Die leisen Fälle: kleine Wunder · 2 min Lektüre

Der erste Patient

Karteikarte Nr. 045 — Datum: mein allererster eigenständig behandelter Fall als junger Assistenzarzt. Kürzel: E.S., 61 J. Stichwort: einfache Bandscheibenoperation, aber die erste, die ich ohne unmittelbare Aufsicht durchführte. Notiz, mit goldenem Stift umrandet: "Der Anfang von allem."

Diese Karte trägt kein besonders dramatisches medizinisches Geschehen, und doch nimmt sie in meinem gesamten Archiv einen besonderen Platz ein, den ich mit einer dünnen, goldenen Linie umrandet habe, wie eine Art Ehrenplatz. E.S. war einundsechzig, mein allererster Patient, den ich als junger Assistenzarzt vollständig eigenständig operierte, ohne dass ein erfahrener Oberarzt während des gesamten Eingriffs unmittelbar neben mir stand. Ein vergleichsweise einfacher Bandscheibenvorfall, medizinisch betrachtet einer der unkompliziertesten Fälle, die ich in meiner gesamten späteren Laufbahn behandeln würde. Und doch war für mich in jenem Moment nichts daran einfach, denn zum ersten Mal in meinem beruflichen Leben trug ich die volle, ungeteilte Verantwortung für das, was in diesem Operationssaal geschehen würde.

Ich erinnere mich an jedes Detail jenes Morgens mit einer Klarheit, die selbst nach Jahrzehnten nicht verblasst ist: das ungewohnte Gewicht der alleinigen Verantwortung, als ich den Operationssaal betrat, wissend, dass mein Ausbilder zwar in Rufweite, aber nicht am Tisch stehen würde. E.S. selbst, freundlich und, wie ich später erfuhr, selbst nervös, obwohl er es sich nicht anmerken ließ, fragte mich vor der Narkoseeinleitung, mit einem verschmitzten Lächeln, ob dies meine erste eigenständige Operation sei. Ich zögerte, unsicher, ob ich ehrlich antworten sollte, entschied mich dann für die Wahrheit. "Ja", sagte ich. "Aber ich bin gut vorbereitet." Er nickte nur und sagte: "Das reicht mir." Diese kurze Antwort, so beiläufig sie klang, gab mir in diesem Moment mehr Zuversicht, als er selbst vermutlich ahnte.

Die Operation selbst verlief, entgegen meiner eigenen inneren Anspannung, reibungslos, jeder Handgriff so, wie ich ihn unzählige Male unter Aufsicht geübt hatte, diesmal jedoch mit dem Wissen, dass die endgültige Verantwortung für jede Entscheidung bei mir selbst lag. Als ich den letzten Hautfaden setzte, überkam mich ein Gefühl, das ich seither immer wieder bei jungen Kollegen beobachte, die ihre erste eigenständige Operation abschließen: eine Mischung aus überwältigender Erleichterung und einem neuen, tief empfundenen Verständnis dafür, was dieser Beruf tatsächlich bedeutet.

E.S. erholte sich vollständig und unkompliziert, wie es bei diesem vergleichsweise einfachen Eingriff zu erwarten war. Er ahnte vermutlich nie, wie bedeutsam sein Fall für meine eigene berufliche Entwicklung war, wie oft ich in den folgenden Jahrzehnten an jenen einen Morgen zurückdachte, wenn ich selbst jungen Assistenzärzten ihre erste eigenständige Operation anvertraute und dabei genau die Mischung aus Vertrauen und Nervosität wiedererkannte, die ich selbst damals empfunden hatte.

Ich habe diese Karte, die erste, die ich je in diesem Kasten anlegte, all die Jahre besonders sorgfältig behandelt, weil sie den eigentlichen Ursprung all der anderen Geschichten markiert, die dieses Buch versammelt. Ohne jenen einen Morgen, ohne E.S.s beiläufige, aber bedeutsame Frage und meine ehrliche Antwort darauf, wäre keine der folgenden Geschichten je entstanden. Jeder erfahrene Chirurg, jeder Meister seines Fachs, war einmal ein Anfänger, der zum ersten Mal allein vor einer Verantwortung stand, die größer war als alles, was er zuvor gekannt hatte. Ich versuche, mir diese Demut bis heute zu bewahren, auch nach über dreißig Jahren und Tausenden weiterer Operationen.

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Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."