Die leisen Fälle: kleine Wunder · 2 min Lektüre

Der Ehering

Karteikarte Nr. 067 — Datum: Winter, vor über zehn Jahren. Kürzel: B.S., 55 J. Stichwort: hochriskante Operation, Ehering des Ehemanns zur Aufbewahrung übergeben, symbolisches Versprechen. Notiz: kleine, samtausgeschlagene Schachtel, ursprünglich für den Ring.

B.S. stand vor einer außerordentlich riskanten Operation zur Entfernung eines komplexen Tumors, der eng mit lebenswichtigen Strukturen ihres Rückenmarks verwachsen war. Die Erfolgsaussichten waren, das musste ich ihr und ihrem Mann ehrlich mitteilen, ungewiss, mit einem nicht unerheblichen Risiko bleibender, schwerer neurologischer Ausfälle. Am Morgen der Operation, kurz bevor sie in den OP-Saal gebracht wurde, nahm ihr Ehemann, ein stiller, zurückhaltender Mann, seinen eigenen Ehering vom Finger und bat mich, ihn während der Operation für ihn aufzubewahren. Ich war zunächst überrascht von dieser ungewöhnlichen Bitte, nahm den Ring aber ohne Zögern entgegen, spürend, dass hinter dieser Geste etwas Bedeutsames stand, das ich noch nicht ganz verstand.

Ich fragte ihn, warum ausgerechnet mir, statt ihn selbst zu behalten, und seine Antwort hat mich seither nie ganz losgelassen: "Wenn ich ihn bei mir behalte, warte ich nur und starre ihn an. Wenn Sie ihn haben, müssen Sie zu mir kommen, um ihn zurückzugeben, und das bedeutet, dass Sie mir dann auch erzählen müssen, wie es ihr geht." Diese ungewöhnliche, fast rituelle Geste gab ihm offenbar eine Struktur für seine Angst, ein konkretes, symbolisches Versprechen, dass ich zu ihm zurückkehren würde, um ihm Nachricht zu bringen, welchen Ausgang auch immer die Operation nehmen würde, eine Art Vertrag zwischen uns beiden, ganz ohne Worte des eigentlichen Inhalts.

Die Operation, die letztlich acht Stunden dauerte, verlief, entgegen unseren vorsichtigen Prognosen, erfolgreich, der Tumor konnte vollständig entfernt werden, ohne die gefürchteten neurologischen Schäden zu verursachen. Ich verließ den Operationssaal, noch im OP-Kittel, direkt zu ihrem wartenden Ehemann, den Ring in einer kleinen Schachtel, die mir eine aufmerksame Schwester gereicht hatte, fest in der Hand. Als ich ihm die guten Nachrichten überbrachte und ihm gleichzeitig seinen Ring zurückgab, brach er, dieser sonst so gefasste Mann, in Tränen der Erleichterung aus.

B.S. erholte sich vollständig von ihrer Operation, ohne bleibende neurologische Einschränkungen, ein Ergebnis, das selbst uns, angesichts der ursprünglichen Risikoeinschätzung, tief erleichterte. Ihr Ehemann behielt die kleine, samtausgeschlagene Schachtel, in der ich seinen Ring aufbewahrt hatte, und schenkte sie mir Jahre später, bei einem zufälligen Wiedersehen, mit der Bitte, sie für "die nächste Karte, die es verdient" aufzubewahren.

Ich habe lange gezögert, welche Karte diese besondere Ehre verdienen sollte, bis ich verstand, dass die passendste Karte für diese Schachtel die Erinnerung an genau diesen Moment selbst war, an das ungewöhnliche Vertrauen, das mir dieser Ehemann in einer der verletzlichsten Stunden seines Lebens entgegenbrachte. Dieser Fall erinnert mich daran, dass Angehörige, die während einer Operation im Wartebereich ausharren, oft ebenso viel seelische Unterstützung benötigen wie die Patienten selbst, und dass manchmal die kleinsten, ungewöhnlichsten Rituale, die sich Menschen in ihrer Angst selbst erschaffen, ihnen genau die Struktur geben, die sie brauchen, um diese quälenden Stunden des Wartens zu überstehen, Rituale, die für Außenstehende zunächst befremdlich wirken mögen, aber für die Betroffenen selbst tiefen Sinn ergeben.

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Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."