Die leisen Fälle: kleine Wunder · 3 min Lektüre
Der Countdown im Fahrstuhl
Karteikarte Nr. 020 — Datum: ein technischer Defekt, der beinahe fatal endete. Kürzel: W.B., 68 J. Stichwort: eingeschlossen in einem steckengebliebenen Fahrstuhl, akute Verschlechterung einer bereits bestehenden Wirbelsäulenerkrankung während der stundenlangen Wartezeit. Notiz am Rand: “Manchmal wird der Ort der Rettung selbst zur Gefahr.”
Der Fall
W.B. war achtundsechzig Jahre alt, bereits mit einer bekannten, aber bislang stabilen Spinalkanalstenose bei mir in Behandlung, als er, in einem Bürogebäude, in einem Fahrstuhl steckenblieb, der, aufgrund eines technischen Defekts, für mehrere Stunden zwischen zwei Stockwerken hängen blieb. Die beengte, unbequeme Zwangshaltung, die der enge Fahrstuhl ihm über diesen langen Zeitraum aufzwang, verschlimmerte seine ohnehin bestehende Rückenproblematik dramatisch, bis er, als die Feuerwehr ihn schließlich befreien konnte, mit akuten, sich rasch verschlechternden neurologischen Symptomen in unsere Klinik gebracht wurde.
Die Wendung
Die Bildgebung zeigte eine deutliche Verschlechterung seiner bereits bekannten Spinalkanalstenose, ausgelöst durch die stundenlange, erzwungene Fehlhaltung im Fahrstuhl, ein Zusammenhang, der mir zunächst selbst ungewöhnlich erschien, sich aber bei genauerer Betrachtung seiner Vorgeschichte als durchaus plausibel erwies. Ich stand vor der Notwendigkeit, eine Operation durchzuführen, die noch wenige Tage zuvor, bei seiner letzten regulären Kontrolluntersuchung, keineswegs dringlich erschienen war, ein eindrückliches Beispiel dafür, wie rasch sich eine zuvor stabile Situation durch einen scheinbar nebensächlichen äußeren Umstand verändern kann.
Die Rettung
Wir operierten W.B. innerhalb weniger Stunden, eine sorgfältige Dekompression des betroffenen Spinalkanalabschnitts, die ohne Komplikationen verlief. Ich musste, während der Operation, besonders sorgfältig vorgehen, da die durch die lange Zwangshaltung bereits gereizten Nervenstrukturen empfindlicher waren als bei einem gewöhnlichen, schrittweise fortschreitenden Krankheitsverlauf, eine zusätzliche Herausforderung, die diese eigentlich Routine-Operation technisch anspruchsvoller machte, als es der ursprüngliche Befund hatte vermuten lassen.
Der Weg zurück
W.B. erholte sich gut und vollständig von der Operation, seine akuten Symptome bildeten sich innerhalb weniger Wochen weitgehend zurück, und er kehrte zu seinem gewohnten Alltag zurück, allerdings, wie er mir mit einem nervösen Lachen bei seinem letzten Kontrolltermin gestand, „mit einer neuen, fast schon übertriebenen Vorliebe für Treppen.” Der Betreiber des Gebäudes, in dem sich der Vorfall ereignete, überarbeitete, nach eingehender technischer Untersuchung, sein gesamtes Wartungsprotokoll für die betroffene Fahrstuhlanlage.
Die Nachwirkung
W.B.s Fall hat mir eindrücklich vor Augen geführt, wie eng körperliche Vorerkrankungen und scheinbar unabhängige, äußere Zwischenfälle miteinander verknüpft sein können, und wie wichtig es ist, bei der Beurteilung einer akuten Verschlechterung auch ungewöhnliche, auf den ersten Blick nicht offensichtliche äußere Umstände in Betracht zu ziehen. Ich frage seither, bei jeder unerwarteten Verschlechterung einer zuvor stabilen chronischen Erkrankung, gezielter nach möglichen außergewöhnlichen Belastungen der vergangenen Tage. Ich habe diesen Fall auch in einem kurzen Beitrag für unsere klinikinterne Fortbildung aufgegriffen, um jüngere Kollegen für genau diese Art ungewöhnlicher, zunächst nicht offensichtlicher Zusammenhänge zwischen äußeren Umständen und dem Verlauf einer chronischen Erkrankung zu sensibilisieren, ein Aspekt, der in der klassischen medizinischen Ausbildung häufig zu kurz kommt.
W.B. erzählte mir, bei einem seiner späteren Kontrolltermine, dass er in den ersten Wochen nach dem Vorfall regelrechte Angstzustände entwickelt hatte, sobald er sich auch nur einem Fahrstuhl näherte, eine verständliche Reaktion, die sich jedoch, mit der Zeit und durch eine behutsame, schrittweise Gewöhnung, die er sich selbst auferlegte, allmählich wieder legte. Ich habe diese psychische Nachwirkung, die über die rein körperliche Verletzung hinausging, mit besonderem Interesse verfolgt, weil sie mir noch einmal zeigte, wie sehr ein einzelnes traumatisches Ereignis, selbst wenn es glimpflich ausgeht, seine Spuren auch jenseits des unmittelbar betroffenen Körperteils hinterlassen kann.
Ich lege W.B.s Karte zurück in den Kasten und ziehe, mit einem kurzen, unwillkürlichen Blick auf den eigenen, glücklicherweise recht zuverlässigen Fahrstuhl unseres Verlagsgebäudes, die nächste Karte, gespannt auf die Geschichte, die sie birgt.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."