Skurrile Unfälle · 2 min Lektüre
Der Bierdeckel
Karteikarte Nr. 016 — Datum: Kongressabend, Herbst. Kürzel: B., Ehefrau eines Kollegen, 63 J. Stichwort: chronisches subdurales Hämatom, zufällig erkannt bei Tischgespräch, notfallmäßige Abklärung noch am selben Abend. Notiz: auf original Bierdeckel geklebt.
Manche der wichtigsten Diagnosen meines Lebens habe ich nicht in einem Sprechzimmer gestellt, sondern an einem Wirtshaustisch, umgeben von Kollegen, die nach einem langen Kongresstag ihr erstes Bier des Abends genossen. B., die Ehefrau eines befreundeten Kollegen, saß mir gegenüber und erzählte, eher beiläufig, im Plauderton, von ihrer "leichten Vergesslichkeit" der letzten Wochen, von gelegentlichen Kopfschmerzen, die sie auf die herbstliche Wetterumstellung zurückführte, und von einer merkwürdigen Ungeschicklichkeit ihrer linken Hand, die ihr manchmal die Kaffeetasse aus den Fingern gleiten ließ. Sie erzählte es mit einem Lachen, als handle es sich um eine amüsante Alterserscheinung, über die man am Tisch schmunzeln könne.
Ich schmunzelte nicht. Während sie sprach, fügte sich in meinem Kopf ein Muster zusammen, das mir alles andere als harmlos erschien: eine Kombination aus zunehmender Vergesslichkeit, Kopfschmerzen und einer einseitigen motorischen Ungeschicklichkeit, die sich über Wochen entwickelt hatte. Ich fragte sie beiläufig, ob sie in letzter Zeit gestürzt sei, und sie erinnerte sich, nach kurzem Nachdenken, an einen Sturz beim Gartenarbeiten, mehrere Wochen zuvor, den sie als so belanglos eingestuft hatte, dass sie ihn fast vergessen hätte. Genau dieses Detail bestätigte meinen Verdacht: ein chronisches subdurales Hämatom, eine sich langsam ausbreitende Blutung zwischen Schädel und Gehirnhaut, die nach einem zunächst harmlos wirkenden Sturz über Wochen unbemerkt wachsen kann, bevor sie durch genau solche schleichenden Symptome auffällt. Am Tisch herrschte für einen Moment Stille, als die übrigen Kollegen bemerkten, dass aus dem geselligen Plaudern gerade etwas anderes geworden war.
Ich unterbrach, zum sichtlichen Erstaunen der übrigen Tischrunde, das gesellige Gespräch und bat ihren Mann, noch am selben Abend mit ihr in die nächstgelegene Notaufnahme zu fahren, statt, wie ursprünglich geplant, gemeinsam den Kongressabend ausklingen zu lassen. Er zögerte zunächst, halb überzeugt, halb amüsiert über meine plötzliche Ernsthaftigkeit, ließ sich dann aber, mit dem Vertrauen langjähriger Kollegenschaft, überzeugen. Die Bildgebung dort bestätigte innerhalb einer Stunde exakt das, was ich am Wirtshaustisch vermutet hatte. Sie wurde noch in derselben Nacht in die neurochirurgische Abteilung des dortigen Krankenhauses verlegt und am folgenden Morgen erfolgreich operiert, die Blutung über eine kleine Bohrlochtrepanation entlastet, ein vergleichsweise kleiner Eingriff mit großer Wirkung.
B. erholte sich vollständig und rasch. Ihre Vergesslichkeit verschwand innerhalb weniger Tage, ebenso die Ungeschicklichkeit ihrer linken Hand. Als ich sie beim nächsten Kongress desselben Kollegenkreises wiedertraf, brachte sie mir, mit einem breiten Grinsen, denselben Bierdeckel mit, auf dessen Rückseite sie inzwischen selbst notiert hatte: "Danke, dass Sie mir zugehört haben, als ich dachte, ich erzähle nur Belangloses." Ich habe diesen Satz seitdem oft zitiert, wenn ich junge Kollegen daran erinnern wollte, wie wichtig es ist, auch abseits des Sprechzimmers aufmerksam zu bleiben.
Ich bewahre diesen Bierdeckel, laminiert, damit er nicht weiter verblasst, als eine meiner liebsten Erinnerungen an diesen Beruf auf, weil er mir zeigt, wie sehr ärztliches Zuhören keine Uhrzeit und keinen Ort kennt.
Weiterlesen im Journal
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