Internationale Kollegen, internationale Zufälle · 3 min Lektüre
Der Bauer und die drei Zinken
Karteikarte Nr. 002 — Datum: Spätsommer. Kürzel: A.H., 58 J., Landwirt. Stichwort: Sturz auf dreizinkige Heugabel, Rückenmarks Streifung, OP mit ausländischen Kollegen (Kongress Frankfurt zufällig zeitgleich). Notiz am Rand: "Fünf Stunden, drei Sprachen, ein gemeinsamer Blick."
Manche Geschichten in diesem Kasten beginnen mit einem Satz, den ich nie vergessen habe, weil er so unglaublich klang, dass ich ihn beim ersten Hören für einen schlechten Scherz hielt. Der Notarzt am Telefon sagte: "Wir haben hier einen Landwirt, der ist rückwärts in seine eigene Heugabel gefallen. Drei Zinken. Eine davon steckt noch." Ich war zu dieser Zeit zufällig in Frankfurt, nicht in meiner eigenen Klinik, sondern auf einem internationalen Neurochirurgie-Kongress, umgeben von Kollegen aus einem Dutzend Ländern, die gerade noch über Zugangswege und Implantat Systeme diskutiert hatten. Der Mann, um den es ging, hieß in meinen Notizen nur A.H., achtundfünfzig Jahre alt, seit vierzig Jahren auf demselben Hof, den schon sein Vater bewirtschaftet hatte. Er war beim Wenden des Heus ausgerutscht, rückwärts gefallen, direkt in das Gerät, das er selbst Minuten zuvor beiseitegelegt hatte.
Als ich ihn in der nächstgelegenen Klinik sah, war die mittlere Zinke noch immer in seinem Rücken, wenige Zentimeter neben der Wirbelsäule, gefährlich nah am Rückenmarkskanal. Er war bei vollem Bewusstsein, sprach ruhig, fast entschuldigend, als mache er sich Sorgen, uns mit seinem Missgeschick zu belasten. "Ich wollte nur das Heu wenden", sagte er, immer wieder, als müsse er sich selbst erklären, wie so etwas hatte geschehen können. Die Bildgebung zeigte, dass die Zinke das Rückenmark nicht durchtrennt, aber knapp gestreift hatte — eine Situation, in der jeder unbedachte Handgriff beim Entfernen des Fremdkörpers eine bleibende Lähmung hätte auslösen können. Ich rief zwei Kollegen aus Frankfurt an, die ich Stunden zuvor noch im Kongresssaal sitzen gesehen hatte, einen Spezialisten für komplexe Rückenmarksverletzungen aus Skandinavien, einen weiteren aus Südamerika, beide zufällig noch vor Ort, beide bereit, sofort mit mir in ein fremdes OP-Team einzusteigen, in dem wir uns in drei Sprachen verständigten und trotzdem, in den entscheidenden Momenten, ganz ohne Worte auskamen.
Fünf Stunden lang arbeiteten wir uns Millimeter für Millimeter an den Fremdkörper heran, legten das umliegende Gewebe frei, sicherten die Blutgefäße, die dicht an der Zinke vorbeiliefen, bevor wir sie schließlich, in einem einzigen, vorher genau abgesprochenen Zug, entfernten. Ich erinnere mich an den Moment danach nicht als Triumph, sondern als eine Stille im Saal, die vielleicht zwei Sekunden dauerte, in der jeder von uns dasselbe dachte, ohne es auszusprechen: Es hatte funktioniert. Der schwedische Kollege sagte später, als wir die Handschuhe auszogen, nur einen Satz, den ich seither oft zitiere: "So etwas vergisst man nicht, egal wie viele Jahre man das macht." Er hatte recht.
A.H. blieb, entgegen unseren vorsichtigen Prognosen, von einer bleibenden Lähmung verschont. Die Streifung des Rückenmarks hatte zu einer vorübergehenden Schwäche in einem Bein geführt, die sich über die folgenden Monate fast vollständig zurückbildete. Er war zurück auf seinem Hof, noch bevor der erste Schnee fiel, saß auf demselben Trecker, den er schon als junger Mann gefahren hatte. Als ich ihn Jahre später einmal wiedertraf, auf einem Bauernmarkt, zufällig, erkannte er mich sofort und drückte mir wortlos die Hand, länger, als es für eine Begrüßung üblich gewesen wäre.
Was mich an diesem Fall bis heute berührt, ist nicht die Dramatik der drei Zinken, so ungewöhnlich sie war. Es ist die Zufälligkeit, mit der drei Menschen aus drei verschiedenen Kontinenten, die sich Stunden zuvor noch gar nicht kannten, in einem fremden Operationssaal zueinanderfanden, weil ein Mann auf einem Feld gestolpert war. Die Medizin lebt von solchen Zufällen mehr, als wir in unseren Lehrbüchern zugeben. Und manchmal, glaube ich, ist genau das die eigentliche Botschaft, die ich mit diesem Buch weitergeben möchte: Dass hinter jeder Rettung Menschen stehen, die sich in einem Moment finden, den keiner geplant hat, und die trotzdem, oder gerade deshalb, ihr Bestes geben.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."