Die leisen Fälle: kleine Wunder · 2 min Lektüre
Das vergessene Fach
Karteikarte Nr. 058 — Datum: aus einem Jahr, an das ich mich zunächst gar nicht mehr erinnerte. Kürzel: W.D., damals 33 J. Stichwort: unspektakuläre Operation, die der Patient dennoch nie vergaß, obwohl ich selbst es getan hatte. Notiz: wiedergefunden nach einer zufälligen Begegnung Jahrzehnte später.
Ich traf W.D. zufällig bei einer öffentlichen Veranstaltung, viele Jahre nach seiner Behandlung, ein Mann Mitte sechzig, der mich mit einer solchen Herzlichkeit begrüßte, dass ich zunächst annahm, wir müssten uns aus einem gänzlich anderen Zusammenhang kennen. Er erinnerte mich an eine Operation, die ich vor Jahrzehnten an ihm durchgeführt hatte, ein, wie er es beschrieb, für mich vermutlich völlig gewöhnlicher Eingriff, den ich, das musste ich ihm ehrlich gestehen, beim besten Willen nicht mehr präzise erinnern konnte, trotz all der Details, die er mir bereitwillig ins Gedächtnis rief. Ich stand einen Moment lang sprachlos da, verlegen über meine eigene Erinnerungslücke, während er, offensichtlich unbeeindruckt davon, munter weitererzählte.
Dieses Eingeständnis, das mir zunächst peinlich war, schien W.D. keineswegs zu kränken. "Das verstehe ich völlig", sagte er. "Sie haben seither Tausende Menschen behandelt. Ich hatte nur diese eine Operation." Dieser einfache Satz traf mich tiefer, als ich erwartet hätte. Er erzählte mir daraufhin ausführlich, wie sehr jene eine, für mich längst verblasste Operation sein weiteres Leben geprägt hatte, wie er danach seinen Beruf wechselte, weil er körperlich wieder voll belastbar war, wie er eine Familie gründete, die er sich zuvor, aufgrund seiner damaligen Beschwerden, kaum zugetraut hatte, und wie er noch heute, Jahrzehnte später, bei jedem schmerzfreien Spaziergang kurz an jene Operation zurückdenke.
Nach diesem Gespräch kehrte ich, noch am selben Abend, zu meinem Kasten zurück und suchte nach seiner Karte, die ich, wie ich zunächst befürchtete, vielleicht nie geschrieben hatte, weil der Fall für mich damals offenbar keinen besonderen Eindruck hinterlassen hatte. Nach längerem Suchen fand ich sie schließlich, in einem kleinen, fast vergessenen Fach ganz hinten im Kasten, wo sich offenbar über die Jahre einige der unscheinbareren, weniger dramatischen Karten angesammelt hatten, die ich, aus welchem Grund auch immer, nie in meine regelmäßige Durchsicht einbezogen hatte.
Ich las die knappen, damals eher routinemäßig verfassten Notizen zu W.D.s Fall noch einmal durch, versuchte, mich an Details zu erinnern, die er mir Stunden zuvor geschildert hatte, und stellte fest, wie unvollständig meine eigene Erinnerung im Vergleich zu seiner geblieben war. Für mich war es einer von Tausenden Eingriffen gewesen. Für ihn war es der Wendepunkt seines gesamten weiteren Lebens.
Diese Begegnung und das wiedergefundene, fast vergessene Fach haben mir eine demütigende, aber wichtige Lehre über die Asymmetrie unseres Berufs vor Augen geführt: Für uns als Ärzte ist jeder einzelne Patient einer unter vielen, so sehr wir uns auch bemühen, jedem Einzelnen die volle Aufmerksamkeit zu schenken.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."