Andere Gesundheitssysteme, andere Wege · 3 min Lektüre
Das runde Siegel
Karteikarte Nr. 012 — Datum: Spätsommer. Kürzel: R.P., 29 J., Rückverlegung aus Thailand. Stichwort: Wirbelbruch nach Sturz, Erstversorgung im Ausland, Weiterbehandlung in Deutschland. Notiz am Rand: "Gute Medizin erkennt man an der Übergabe, nicht am Absender."
R.P. war neunundzwanzig, ein Rucksackreisender, der sich bei einem Sturz von einem Wasserfall in Nordthailand einen Wirbelbruch zugezogen hatte, fernab jeder Klinik, die er selbst als vertraut empfunden hätte. Die Erstversorgung erfolgte in einem Krankenhaus einer thailändischen Provinzstadt, dessen Namen ich mühsam von den mitgebrachten Unterlagen abschreiben musste, weil er in einer Schrift verfasst war, die ich nicht lesen konnte. Als er, mehrere Tage nach dem Unfall, per Rückholflug nach Deutschland gebracht und mir vorgestellt wurde, lag ein Stapel Unterlagen bei ihm, jede Seite mit demselben kleinen, runden Siegel versehen, thailändische Schriftzeichen im Kreis, das ich zunächst nicht einzuordnen wusste.
Ich ließ die Unterlagen übersetzen, in der Annahme, ich würde auf Lücken oder problematische Entscheidungen stoßen, wie es bei Verlegungen aus weniger vertrauten Systemen gelegentlich vorkommt und worauf ich mich, ehrlich gesagt, bereits mit einer gewissen professionellen Skepsis vorbereitet hatte. Was ich stattdessen fand, war eine außerordentlich sorgfältige, technisch einwandfreie Dokumentation der Erstversorgung: eine korrekt durchgeführte Stabilisierung, eine präzise beschriebene neurologische Untersuchung, eine Medikation, die genau den Standards entsprach, die ich selbst angewendet hätte. Das kleine runde Siegel, wie mir die Übersetzerin erklärte, war schlicht der offizielle Stempel des behandelnden Provinzkrankenhauses, ein bürokratisches Detail, das in meiner Vorstellung fälschlicherweise zu einem Symbol der Unsicherheit geworden war, bevor ich überhaupt wusste, was es bedeutete. Ich erinnere mich, wie ich die übersetzten Seiten noch einmal von vorne las, diesmal langsamer, fast beschämt über mein eigenes erstes, vorschnelles Urteil.
Meine eigene Aufgabe bestand nun darin, die bereits gut eingeleitete Behandlung fortzusetzen, den Bruch endgültig operativ zu stabilisieren und die Reha zu planen. Der Eingriff selbst verlief unkompliziert, begünstigt durch die bereits exzellente Vorarbeit, die in jener kleinen Provinzklinik geleistet worden war. Ich schrieb, was ich selten tue, einen kurzen Dankesbrief an die dortigen Kollegen, adressiert an eine Klinik, deren Namen ich noch immer nicht fehlerfrei aussprechen kann, aber deren medizinische Arbeit mich mit aufrichtigem Respekt erfüllte.
R.P. erholte sich vollständig, kehrte nach einigen Monaten intensiver Reha in sein gewohntes Leben zurück und, wie er mir bei einem späteren Kontrollbesuch mit einem verlegenen Lächeln erzählte, sogar irgendwann wieder ans Reisen, wenn auch, wie er versicherte, "diesmal mit etwas mehr Respekt vor Wasserfällen." Er hatte die thailändischen Unterlagen, samt Siegel, in Kopie behalten, wie er sagte, "als Erinnerung daran, wie gut es mir gegangen ist, obwohl ich dachte, ich sei am Ende der Welt in den denkbar schlechtesten Händen." Diesen Satz habe ich mir, in leicht abgewandelter Form, selbst notiert.
Dieser Fall hat mir eine unbequeme, aber wichtige Lehre über meine eigenen unbewussten Annahmen erteilt. Ich hatte, ohne es mir einzugestehen, die medizinische Qualität eines fernen Landes im Vorfeld geringer eingeschätzt, allein aufgrund geografischer und kultureller Distanz, bevor ich auch nur eine einzige Seite der Unterlagen gelesen hatte. Das kleine runde Siegel, das mir zunächst fremd und unbestimmt erschien, stand am Ende für eine Behandlung, die jedem westeuropäischen Standard entsprach. Ich bewahre die Karte mit diesem Fall besonders sorgfältig auf, als Erinnerung daran, dass gute Medizin sich nicht an der geografischen Herkunft eines Stempels bemisst, sondern an der Sorgfalt der Hände, die ihn gesetzt haben. Es ist eine Lektion, die ich mir seither regelmäßig selbst ins Gedächtnis rufen muss, gerade weil solche Vorurteile so leise und unbemerkt entstehen.
Weiterlesen im Journal
Die Nacht, in der die Beine schwiegen
Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte
Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."