Schulmedizin trifft Alternativmedizin · 3 min Lektüre

Das Lavendelsäckchen

Karteikarte Nr. 010 — Datum: Frühling. Kürzel: E.M., 68 J. Stichwort: Spinalkanalstenose, Patientin bestand auf eigenem Lavendelsäckchen im OP, Kompromiss gefunden. Notiz am Rand: "Man muss nicht alles verstehen, um es zu respektieren."

E.M. kam zu mir wegen einer fortgeschrittenen Verengung ihres Spinalkanals, die ihr das Gehen zunehmend erschwerte, mit Schmerzen, die sich schon nach wenigen Schritten bemerkbar machten. Die Operation selbst war medizinisch klar indiziert und, was ihre körperlichen Voraussetzungen betraf, unkompliziert zu planen. Kompliziert wurde es an einer anderen Stelle: E.M. erklärte mir bereits beim ersten Gespräch, mit einer Bestimmtheit, die keinen Widerspruch duldete, dass sie ohne ihr kleines Lavendelsäckchen, das sie seit Jahrzehnten bei sich trug, in keinen Operationssaal gehen werde. Es habe ihr, so erzählte sie, durch den Tod ihres Mannes geholfen, durch zwei frühere Operationen, und sie vertraue seiner beruhigenden Wirkung mehr als jedem Beruhigungsmittel, das man ihr anbieten könnte.

Das zuständige OP-Pflegeteam reagierte zunächst mit begründeter Zurückhaltung. Sterilität im Operationssaal ist kein bürokratisches Detail, sondern eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine sichere Operation, und ein textiles Säckchen unbekannter Herkunft gehört dort grundsätzlich nicht hin. Ich stand vor der Frage, wie ich den berechtigten Sicherheitsbedenken meines Teams gerecht werden konnte, ohne E.M. das Gefühl zu geben, ihre über Jahrzehnte gewachsene Art, mit Angst umzugehen, sei bedeutungslos oder gar lächerlich. Wir fanden gemeinsam eine Lösung, die beiden Seiten gerecht wurde: Das Säckchen selbst durfte nicht mit in den sterilen Bereich, aber wir sorgten dafür, dass sie es bis zur Einleitung der Narkose in der Hand halten konnte, und die Anästhesistin, eine kluge, einfühlsame Kollegin, sprach in den letzten Minuten vor dem Einschlafen bewusst über den Duft, den E.M. gerade noch gerochen hatte, um genau dieses Gefühl der Vertrautheit so lange wie möglich zu bewahren.

Die Operation selbst verlief unkompliziert, die Verengung wurde erfolgreich entlastet, ohne besondere Zwischenfälle. Aber was mir aus diesem Fall vor allem in Erinnerung geblieben ist, war der Moment, in dem E.M. nach dem Aufwachen aus der Narkose nach ihrer Hand tastete, das Säckchen wiederfand, das eine Schwester ihr sorgsam bereitgelegt hatte, und tief einatmete, noch bevor sie überhaupt die ersten Worte sprach. Erst danach fragte sie, ob die Operation gut gegangen sei.

E.M. erholte sich zügig, ging bereits am vierten Tag nach der Operation ohne Schmerzen deutlich weitere Strecken als vor dem Eingriff. Als sie die Klinik verließ, schenkte sie unserem gesamten Team ein kleines, selbstgenähtes Lavendelsäckchen, identisch mit ihrem eigenen. Es lag noch Jahre später in einer Schublade unseres Stationszimmers, bis es irgendwann, wie es solchen Dingen ergeht, verschwand — ich vermute, weil es irgendwann jemand brauchte, der es dringender nötig hatte als wir. Manche unserer Pflegekräfte erzählten mir später, sie hätten das kleine Ritual, das E.M. uns unbewusst beigebracht hatte, bei anderen ängstlichen Patienten weitergegeben, in leicht abgewandelter Form, ganz ohne dass jemand es je ausdrücklich angeordnet hätte.

Dieser Fall hat mir gezeigt, dass gute Medizin nicht bedeutet, jede persönliche Gewohnheit eines Patienten in wissenschaftlich belegte oder unbelegte Kategorien einzuteilen und danach zu entscheiden, was erlaubt ist. Es bedeutet, die berechtigten Grenzen der medizinischen Sicherheit zu wahren und innerhalb dieser Grenzen so viel menschliche Würde und Vertrautheit zuzulassen, wie irgend möglich ist. Ich habe seither in vielen ähnlichen Situationen erlebt, wie sehr solche kleinen, scheinbar nebensächlichen Zugeständnisse den Unterschied machen zwischen einem Menschen, der sich einer Operation ausgeliefert fühlt, und einem, der sie, so gut es geht, mitgestaltet. Man muss nicht alles verstehen, um es zu respektieren. Manchmal reicht es, einfach zuzuhören, und den eigenen fachlichen Anspruch nicht mit der einzigen Wahrheit zu verwechseln, die im Raum zählt.

Weiterlesen im Journal

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."