Die leisen Fälle: kleine Wunder · 2 min Lektüre
Das Kleeblatt
Karteikarte Nr. 062 — Datum: Frühsommer. Kürzel: P.M., 41 J. Stichwort: risikoreiche Wirbelsäulenoperation, vierblättriges Kleeblatt der Tochter als Glücksbringer. Notiz: gepresstes Kleeblatt, original vom Patienten mitgebracht.
P.M. war einundvierzig, stand vor einer komplexen, nicht unerheblich risikobehafteten Operation zur Korrektur einer fortgeschrittenen Wirbelsäulenfehlstellung, die sich über mehrere Segmente erstreckte. Am Morgen der Operation, als ich ihn kurz vor der Narkoseeinleitung noch einmal besuchte, erzählte er mir, sichtlich gerührt, von einem kleinen Ereignis, das sich am Vorabend zugetragen hatte: Seine siebenjährige Tochter hatte, beim Spielen im Garten, ein vierblättriges Kleeblatt gefunden, ein seltener Zufallsfund, den sie ihrem Vater mit der ernsthaften Feststellung überreicht hatte, dies werde "die Operation sicher gut machen." Er erzählte mir diese Geschichte mit einer Mischung aus Rührung und leichter Verlegenheit, als sei ihm die Bedeutung, die er diesem kleinen Blatt beimaß, selbst nicht ganz geheuer.
P.M. bat mich, ob er dieses gepresste Kleeblatt, sorgfältig zwischen zwei Blättern Papier verwahrt, während der Operation bei sich tragen dürfe, eine Bitte, die ich, nach den Erfahrungen, die ich bereits mit ähnlichen persönlichen Gegenständen in früheren Kapiteln dieses Buches gemacht hatte, ohne Zögern erfüllte. Wir befestigten das kleine, gepresste Kleeblatt mit sterilem Klebeband an einer unauffälligen Stelle außerhalb des eigentlichen OP-Feldes, sodass es die eigentliche Operation in keiner Weise beeinträchtigen konnte, ihm aber dennoch die symbolische Nähe zu seiner Tochter erhielt, die er sich so sehr wünschte, gerade in einem Moment, in dem er sich von seiner Familie so weit entfernt fühlte wie selten zuvor.
Die Operation selbst, technisch anspruchsvoll und mit mehreren kritischen Phasen, verlief über die gesamten sieben Stunden hinweg ohne jede Komplikation, ein Ergebnis, das, wie ich P.M. später ehrlich versicherte, ausschließlich der sorgfältigen Vorbereitung und der Erfahrung des gesamten Teams zu verdanken war, nicht dem kleinen Kleeblatt an seinem Arm. Aber ich gebe zu, dass ich, als wir die letzten kritischen Schritte der Operation erfolgreich abschlossen, kurz an das kleine Mädchen dachte, das dieses Kleeblatt mit solcher kindlichen Überzeugung gefunden hatte.
P.M. erholte sich vollständig von seiner Operation, und als seine Tochter ihn zum ersten Mal nach dem Eingriff besuchen durfte, war eine ihrer ersten Fragen, ob "das Kleeblatt geholfen" habe. P.M. antwortete ihr, wie er mir später mit einem Lächeln erzählte, dass die Ärzte "das Allermeiste" gemacht hätten, aber dass ihr Kleeblatt ihm während der ganzen Zeit ein gutes Gefühl gegeben habe. Bei seiner Entlassung überreichte er mir das gepresste Kleeblatt, mit der Bitte, es für meine Sammlung zu behalten, "als Dank, auch wenn Sie sicher nicht daran glauben."
Ich bewahre dieses kleine Kleeblatt mit einer gewissen liebevollen Ironie in meinem Archiv, weil es mir zeigt, dass die symbolische Kraft solcher kleinen Gesten selten an ihrem tatsächlichen Einfluss auf den medizinischen Ausgang gemessen werden sollte, sondern an dem Trost und der Verbundenheit, die sie einem Patienten in einem der verletzlichsten Momente seines Lebens spenden können. Ob ein Kleeblatt tatsächlich Glück bringt, kann und will ich als Wissenschaftler nicht beurteilen. Aber ich weiß mit Sicherheit, dass die Liebe eines siebenjährigen Mädchens, symbolisiert durch dieses kleine, gepresste Blatt, ihrem Vater durch eine der schwierigsten Stunden seines Lebens half, und das allein macht es, in meinen Augen, zu einem echten Wunder.
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Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."
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Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."
Der Anruf um 3 Uhr 12
Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."