Skurrile Unfälle · 2 min Lektüre

Das Ausrufezeichen

Karteikarte Nr. 061 — Datum: eine ganz gewöhnliche Bildgebung, die zu einem ungewöhnlichen Fund führte. Kürzel: G.M., 71 J. Stichwort: Zufallsfund eines vergessenen chirurgischen Gegenstands aus einer Jahrzehnte zurückliegenden Operation. Notiz: nur ein Ausrufezeichen, weil mir in dem Moment die Worte fehlten.

G.M. kam zu mir wegen eines gewöhnlichen, altersbedingten Rückenleidens, ein Fall, der auf den ersten Blick keinerlei Besonderheiten versprach. Die routinemäßige Bildgebung, die wir zur Planung seiner Behandlung anfertigen ließen, zeigte jedoch, völlig unerwartet, einen kleinen, metallischen Fremdkörper in seinem Bauchraum, weit entfernt von der Region, die wir eigentlich untersuchten. Als ich das Bild zum ersten Mal betrachtete, konnte ich es kaum glauben, und ich erinnere mich, wie ich es meinem Kollegen wortlos zeigte, unfähig, in diesem Moment einen zusammenhängenden Satz zu formulieren. Wir starrten beide eine Weile auf den Bildschirm, bevor einer von uns schließlich fragte, ob wir uns das wirklich richtig anschauten.

Nach genauerer Untersuchung und Rücksprache mit G.M. stellte sich heraus, dass dieser Fremdkörper, ein kleines chirurgisches Instrumententeil, offenbar bei einer Operation vor über dreißig Jahren, in einer völlig anderen Klinik, unbemerkt zurückgeblieben war, ein sogenanntes retiniertes Fremdmaterial, ein Ereignis, das glücklicherweise äußerst selten vorkommt, aber, wenn es geschieht, über Jahrzehnte völlig unbemerkt bleiben kann, wenn der Körper das Material, wie in G.M.s Fall, ohne erkennbare Entzündungsreaktion toleriert. G.M. selbst hatte all die Jahre nie irgendwelche Beschwerden gehabt, die auf diesen Fremdkörper hingedeutet hätten, und reagierte auf meine vorsichtige Erklärung zunächst mit ungläubigem Staunen, dann mit zunehmender Belustigung.

Nach ausführlicher interdisziplinärer Beratung mit unseren allgemeinchirurgischen Kollegen entschieden wir gemeinsam, den Fremdkörper zu entfernen, nicht aus akuter medizinischer Notwendigkeit, da er offensichtlich über Jahrzehnte keine Beschwerden verursacht hatte, sondern aus Vorsicht, um ein mögliches zukünftiges Risiko auszuschließen. Der Eingriff, von unseren allgemeinchirurgischen Kollegen durchgeführt, während wir parallel G.M.s eigentliches Rückenleiden behandelten, verlief unkompliziert, und der Fremdkörper konnte problemlos entfernt werden.

G.M. erholte sich von beiden Eingriffen gut und zeigte, als ich ihm von dem ungewöhnlichen Fund berichtete, eine bemerkenswert gelassene Reaktion. "Naja", sagte er nur, mit einem trockenen Humor, der mich sofort für ihn einnahm, "dann habe ich jetzt wenigstens eine gute Geschichte für Familienfeiern." Er erzählte mir später, wie er versucht hatte, sich zu erinnern, welche seiner damaligen Operationen dafür verantwortlich gewesen sein könnte, ohne zu einer eindeutigen Antwort zu gelangen, eine Ungewissheit, die ihn, seiner eigenen Aussage nach, weit weniger beunruhigte, als es mich in seiner Situation vermutlich beunruhigt hätte.

Ich habe diese Karte bewusst nur mit einem einzigen Ausrufezeichen versehen, weil kein längerer Text meine eigene Verblüffung in jenem Moment angemessen hätte einfangen können. Dieser Fall erinnert mich, auch nach Jahrzehnten in diesem Beruf, daran, dass die Medizin, so routiniert und vorhersehbar sie zuweilen erscheinen mag, immer noch für echte Überraschungen gut ist. Er erinnert mich auch an die Bedeutung sorgfältiger, gründlicher Bildgebung, selbst bei vermeintlich klar umrissenen Fragestellungen, weil sich manchmal, gewissermaßen am Rande des eigentlichen Untersuchungsziels, völlig unerwartete Entdeckungen verbergen, die ein ganzes Ausrufezeichen wert sind, auch nach so vielen Jahren des Berufslebens, in denen man glaubt, schon fast alles gesehen zu haben.

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Notfälle und Sekunden, die zählen·3 min Lektüre

Die Nacht, in der die Beine schwiegen

Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

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Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

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Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."