Schulmedizin trifft Alternativmedizin · 2 min Lektüre

Bruno

Karteikarte Nr. 041 — Datum: über mehrere Monate Reha begleitet. Kürzel: H.T., 34 J., sowie "Bruno", Therapiehund unserer Reha-Station. Stichwort: schwere Motivationskrise nach Querschnittslähmung, Durchbruch durch tiergestützte Therapie. Notiz: kleine Pfoten Abdrücke, mit Bruno selbst "unterschrieben".

H.T. war vierunddreißig, als er nach einem schweren Autounfall mit einer inkompletten Querschnittslähmung auf unsere Reha-Station kam. Die medizinische Behandlung seiner ursprünglichen Verletzung war zu diesem Zeitpunkt bereits abgeschlossen, aber der eigentliche, weitaus längere Weg zurück in ein selbstständiges Leben stand ihm noch bevor. In den ersten Wochen seiner Reha verweigerte er sich zunehmend jeder aktiven Mitarbeit, versank in einer tiefen Mutlosigkeit, die selbst unsere erfahrensten Therapeuten kaum durchdringen konnten. Er absolvierte die vorgeschriebenen Übungen nur noch mechanisch, ohne erkennbaren eigenen Antrieb, ein Zustand, der seine körperliche Erholung erheblich zu gefährden drohte. Ich besuchte ihn regelmäßig bei meinen Visiten und spürte jedes Mal, wie sehr er sich innerlich bereits von seinem eigenen Genesungsprozess verabschiedet hatte, lange bevor sein Körper diese Aufgabe hätte tun müssen.

An diesem Punkt schlug eine unserer Physiotherapeutinnen vor, Bruno, unseren speziell ausgebildeten Therapiehund, gezielt in H.T.s Behandlung einzubeziehen, ein Ansatz, dem ich zunächst mit einer gewissen professionellen Zurückhaltung begegnete, ähnlich meiner anfänglichen Skepsis gegenüber anderen komplementären Ansätzen, die ich in früheren Kapiteln dieses Buches bereits beschrieben habe. Bruno, ein ruhiger, aufmerksamer Golden Retriever, besuchte H.T. zunächst nur kurz, legte seinen Kopf auf die Bettdecke, ohne dass irgendjemand ihn dazu angeleitet hätte, und blieb einfach da. H.T., der seit Wochen kaum ein Wort mit uns gesprochen hatte, begann, leise mit ihm zu sprechen, zunächst nur wenige Worte, dann, mit jedem weiteren Besuch, mehr.

In den folgenden Wochen entwickelte sich zwischen H.T. und Bruno eine Verbindung, die unsere gesamte Station mit Staunen verfolgte. H.T. begann, seine Übungen aktiv mit Blick auf Brunos regelmäßige Besuche zu absolvieren, motiviert von dem einfachen, unmittelbaren Wunsch, für den Hund, der offensichtlich keinerlei Erwartungen an ihn stellte außer bloßer Anwesenheit, präsent zu sein. Er begann, kleine, selbst gesteckte Ziele zu formulieren, orientiert an Brunos Besuchszeiten, ähnlich den bereits in einem früheren Kapitel beschriebenen Kühlschrank-Zetteln eines jungen Schwimmers, nur diesmal motiviert durch die stille, bedingungslose Gesellschaft eines Tieres statt durch einen sportlichen Ehrgeiz.

H.T. erreichte innerhalb weniger Monate eine Erholung, die weit über das hinausging, was wir angesichts seines anfänglichen Zustands für realistisch gehalten hätten. Er verließ unsere Station schließlich mit einer deutlich verbesserten motorischen Funktion und, was mindestens ebenso bedeutsam war, mit einer wiedergewonnenen inneren Widerstandskraft, die seine gesamte weitere Genesung trug. Bei seinem Abschied bat er darum, Bruno noch einmal besuchen zu dürfen, kniete sich, so gut es ihm möglich war, neben ihn und verabschiedete sich, wie mir eine anwesende Pflegekraft berichtete, "als würde er sich von einem echten Freund verabschieden."

Ich bewahre diese Karte, verziert mit den kleinen Pfotenabdrücken, die Bruno bei einer unserer gemeinsamen "Unterschriftsaktionen" hinterließ, als eine der ungewöhnlichsten, aber lehrreichsten in meinem gesamten Archiv. Sie hat meine eigene, anfänglich skeptische Haltung gegenüber tiergestützter Therapie nachhaltig verändert und mir gezeigt, dass Heilung manchmal Wege findet, die keine medizinische Fachliteratur vorhersagen kann. Bruno konnte keine Diagnose stellen, keine Operation durchführen, keine Medikamente verschreiben.

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Karteikarte Nr. 001 — Datum unleserlich, vermutlich früher Herbst. Kürzel: M.K., 34 J. Stichwort: HWS-Stenose, Querschnittssymptomatik, Notfall-OP 2:40 Uhr. Notiz am Rand, mit Kugelschreiber nachgezogen: "Der Fall, mit dem alles anfing."

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Der Vater, der beim eigenen Geburtstag kollabierte

Karteikarte Nr. 004 — Datum: Frühsommer. Kürzel: T.B., 41 J. Stichwort: Spinales Epiduralhämatom, akute Querschnittssymptomatik, OP innerhalb von drei Stunden. Notiz am Rand: "Die Zeit war der eigentliche Gegner, nicht die Krankheit."

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Der Anruf um 3 Uhr 12

Karteikarte Nr. 007 — Datum: Winter, mehrere Jahre nach meiner eigenen Facharztzeit. Kürzel: Dr. F., Assistenzärztin, Telefonat 3:12 Uhr. Stichwort: Ferndiagnose per Telefon, Entscheidung gegen die eigene Unsicherheit. Notiz am Rand: "Manchmal muss man dem jungen Kollegen mehr Mut leihen als Wissen."