Die leisen Fälle: kleine Wunder
Die Idee, die aus einer Patientengeschichte wuchs
08. März 2026 · 2 Min.
Ich sprach mit meiner Frau und meiner Tochter, den beiden wichtigsten Menschen in meinem Leben, ausführlich über diese Idee, an einem gewöhnlichen Abend, bei einem Glas Wein am Kamin, und beide ermutigten mich sofort und mit spürbarer Begeisterung, aus diesem Gedanken tatsächlich etwas Konkretes zu machen, anstatt ihn, wie so viele andere Ideen zuvor, nur als vage Möglichkeit im Hinterkopf zu behalten. Ich begann, gemeinsam mit einem kleinen, engagierten und motivierten Team, das ich über meinen eigenen Verlag zusammenstellte, eine eigene Website zu entwickeln, auf der Menschen Bilder und kurze Videos besonderer, bewusst wahrgenommener Momente ihres eigenen Lebens miteinander teilen konnten, eine Art digitales Gegenstück zu meinem eigenen, vertrauten Karteikasten, nur eben offen für jedermann.
Die ersten Monate nach dem Start dieser neuen Plattform waren, das gebe ich offen und ehrlich zu, von einer gewissen Unsicherheit geprägt, ähnlich wie bei den bescheidenen Anfängen meines eigenen Verlags Jahre zuvor: Würde sich überhaupt jemand finden, der wirklich bereit war, einen solchen persönlichen Moment mit einer breiteren, unbekannten Öffentlichkeit zu teilen?
Zu meiner großen, tiefen Freude füllte sich die Plattform, langsam aber stetig und kontinuierlich, mit Beiträgen von Menschen unterschiedlichsten Alters und unterschiedlichster Lebenssituationen, von einem jungen Vater, der das allererste Lächeln seines neugeborenen Kindes festhielt, bis zu einer älteren, liebevollen Dame, die ein Foto ihres fünfzig Jahre alten Ehebetts teilte, versehen mit einer kurzen, sehr bewegenden Geschichte ihrer langen, gemeinsamen Ehe über fünf Jahrzehnte hinweg.
Diese Plattform, die ich seither mit wachsender Freude begleite, hat sich, über die Jahre, zu einer eigenen, kleinen Gemeinschaft entwickelt, deren Existenz mich immer wieder daran erinnert, wie universell jenes Bedürfnis ist, das mir in so vielen meiner Patientengeschichten begegnet ist: das Bedürfnis, den eigenen, oft flüchtigen Momenten des Lebens bewusst Aufmerksamkeit zu schenken, bevor sie, wie es im Leben nun einmal geschieht, unwiederbringlich vorüberziehen. Ich lese, wann immer meine Zeit es erlaubt, selbst durch die neuesten Beiträge dieser Plattform, und ich gestehe, dass mich so mancher dieser kurzen, persönlichen Momentaufnahmen ebenso tief berührt wie manche der ausführlicheren Fallgeschichten, die ich in diesem Archiv festhalte, obwohl sie oft aus nur wenigen Sätzen und einem einzigen Bild bestehen.
Ich habe, im Laufe der Jahre, gelernt, diese Plattform bewusst nicht mit meinem eigenen literarischen Werk zu vermischen, sondern sie als eigenständiges, von meiner Autorentätigkeit unabhängiges Projekt zu betrachten, auch wenn beide, wie ich selbst inzwischen deutlich erkenne, aus derselben grundlegenden Überzeugung erwachsen sind: dass jeder Mensch, unabhängig von seiner gesellschaftlichen Stellung oder seinem Lebensweg, eine eigene, es wert zu erzählende Geschichte in sich trägt.
Ich greife nach der nächsten Karte, mit dem Bewusstsein, wie eng meine beiden Leben, das des Arztes und das des Erzählers, und mittlerweile auch dieses dritte, kleine digitale Vorhaben, tatsächlich miteinander verflochten sind.
Diese Geschichte stammt aus „Das Archiv der Wunder" (Art Adoro). Vielleicht gehört die nächste Karte Ihnen.