Die leisen Fälle: kleine Wunder

Zwei Stifte, eine Karte

11. August 2026 · 2 Min.

V.H. kam zu mir mit einem seltenen Tumor im Bereich der Wirbelsäule, der sich, wie die Bildgebung zeigte, eng mit mehreren großen Blutgefäßen verwachsen hatte, eine Konstellation, die eine rein neurochirurgische Herangehensweise von vornherein ausschloss. Ich zog eine Kollegin aus der Gefäßchirurgie hinzu, eine Frau, mit der ich zuvor nur gelegentlich auf Fluren und in interdisziplinären Fallbesprechungen zu tun gehabt hatte, deren fachliche Reputation mir jedoch bestens bekannt war. Gemeinsam begannen wir, diesen komplexen Fall zu planen, in einer Zusammenarbeit, die enger und intensiver wurde, als es bei den meisten interdisziplinären Fällen sonst üblich ist, fast so, als hätten wir beide instinktiv gespürt, dass dieser Fall eine andere Art der Zusammenarbeit verlangte als unsere gewohnten, eher formalen fachlichen Abstimmungen.

Wir trafen uns über mehrere Wochen hinweg regelmäßig, um die Operation gemeinsam vorzubereiten, jeden einzelnen Schritt zwischen unseren beiden Fachdisziplinen abzustimmen, weil ein Fehler an der Schnittstelle zwischen Tumorentfernung und Gefäßsicherung katastrophale Folgen hätte haben können. Bei einem dieser Vorbereitungstreffen, spät am Abend, begannen wir, aus einer spontanen Idee heraus, gemeinsam eine einzige Karteikarte für diesen Fall zu führen, statt jeder für sich eigene Notizen zu machen, abwechselnd schreibend, jeder mit seinem eigenen Stift, sodass sich unsere beiden Handschriften über die Wochen zu einem gemeinsamen, ineinander verwobenen Dokument verbanden. Es war, im Rückblick betrachtet, ein kleiner, fast spielerischer Akt, der jedoch symbolisch für die gesamte Art unserer Zusammenarbeit stand.

Die Operation selbst, die schließlich zehn Stunden dauerte, verlief in einer Choreografie, die ich in dieser Präzision selten erlebt habe: ich für die neurochirurgischen Anteile verantwortlich, sie für die gefäßchirurgische Sicherung, beide ständig im engen Austausch, beide bereit, im entscheidenden Moment die Führung an den jeweils anderen abzugeben, wenn es die Situation erforderte. Es gab Momente, in denen wir buchstäblich gleichzeitig an verschiedenen Enden derselben anatomischen Struktur arbeiteten, mit einem Vertrauen ineinander, das sich erst über die intensive gemeinsame Vorbereitung der vorangegangenen Wochen hatte entwickeln können.

V.H. erholte sich vollständig, ohne die gefürchteten Gefäßkomplikationen, die bei diesem Eingriff eine reale Gefahr dargestellt hatten. Als sie die Klinik verließ, luden meine Kollegin und ich sie gemeinsam zu einem letzten Kontrollgespräch, bei dem wir ihr, zum ersten Mal, unsere gemeinsam geführte Karteikarte zeigten. Sie war sichtlich berührt, als sie die beiden unterschiedlichen Handschriften betrachtete, die sich abwechselten, manchmal mitten in einem Satz. "Das zeigt mir mehr über meine Behandlung", sagte sie, "als jeder offizielle Arztbrief es je könnte."

Diese Karte ist die Einzige in meinem gesamten Kasten, die ich nicht allein geschrieben habe, und gerade deshalb ist sie mir besonders wertvoll. Sie erinnert mich daran, dass die komplexesten und anspruchsvollsten Fälle unseres Berufs selten von einem einzelnen Arzt allein bewältigt werden können, so sehr uns die öffentliche Vorstellung von der einzelnen, heldenhaften Chirurgin oder dem einzelnen, brillanten Chirurgen manchmal glauben machen will. Die beste Medizin entsteht dort, wo unterschiedliche Expertisen sich nicht nur ergänzen, sondern tatsächlich ineinandergreifen, wo zwei Handschriften eine gemeinsame Geschichte erzählen, die keine von beiden allein hätte schreiben können.

Diese Geschichte stammt aus „Das Archiv der Wunder" (Art Adoro). Vielleicht gehört die nächste Karte Ihnen.

Weitere Karten