Adoro Journal – Begleittexte
Was ich noch sagen wollte
29. Juni 2026 · 3 Min.
Ich sitze an meinem Schreibtisch, den grauen Karteikasten zum letzten Mal für dieses Buch vor mir geschlossen, und versuche, in Worte zu fassen, was mir dieses gesamte Unterfangen bedeutet hat. Als ich vor einigen Monaten begann, diese Geschichten aufzuschreiben, wusste ich nicht, wohin mich diese Reise führen würde. Ich wusste nur, dass ich, in dieser späten Phase meines Schaffens, neben den medizinischen Sachbüchern, neben den Kriminalromanen aus Wörthersee und Heidelberg, neben all den anderen Projekten, die mein Leben als Autor und Publizist ausmachen, noch etwas anderes sagen wollte. Etwas, das kein Lehrbuch der Neurochirurgie je vermitteln könnte, und dass auch keine noch so spannende Kriminalgeschichte in sich trägt.
Ich wollte von den Menschen erzählen. Nicht von Diagnosen, nicht von Operationstechniken, nicht von medizinischen Erfolgsstatistiken, so wichtig diese Dinge in meinem beruflichen Leben auch waren. Ich wollte von den Momenten erzählen, in denen sich, mitten in einer der technischsten, präzisesten Disziplinen der Medizin, immer wieder etwas zutiefst Menschliches zeigte: die Angst eines Kindes vor einer Operation, der stille Mut eines Bergbauern, die Liebe eines Vaters, der seinen Ehering aus der Hand gab, die Beharrlichkeit einer neunzigjährigen Frau, die sich nicht abweisen ließ.
Wir leben, das habe ich in meinem langen Leben immer wieder beobachtet, in einer Welt, die zunehmend gefühlskalt zu werden droht, in der Effizienz oft über Empathie gestellt wird, in der wir, gerade in der Medizin, manchmal Gefahr laufen, den Menschen hinter der Diagnose aus den Augen zu verlieren. Ich habe versucht, mit diesem Buch einen kleinen, bescheidenen Gegenentwurf zu dieser Kälte zu liefern, nicht durch große Theorien oder wortreiche Appelle, sondern schlicht durch das Erzählen dessen, was ich selbst erlebt habe. Siebenundsiebzig Geschichten, jede für sich klein, aber, wie ich hoffe, in ihrer Summe ein Zeugnis dafür, dass Menschlichkeit und medizinische Exzellenz einander nicht ausschließen, sondern sich, im besten Fall, gegenseitig tragen.
Ich habe in diesem Buch nicht nur von meinen Patienten erzählt, sondern auch von mir selbst, von meinen eigenen Zweifeln, meinen eigenen Fehlern, meiner eigenen Angst, die ich, wie es auf jener allerersten Karteikarte meines eigenen Leitbildes stand, nie vergessen wollte. Ich habe von meinem Vater erzählt, dessen Schicksal mich überhaupt erst in diesen Beruf trieb, von meiner Frau, deren stille Anwesenheit mich durch all die Jahre trug, von Kollegen, die zu Freunden wurden, und von Patienten, die mir mehr beigebracht haben, als ich ihnen je vermitteln konnte.
Dieses Buch ist, das wird Ihnen inzwischen klar geworden sein, kein Buch nur der medizinischen Wunder, auch wenn sein Titel das vielleicht vermuten lässt. Es ist ein Buch der menschlichen Wunder, die sich, mitten in den technischsten, unpersönlichsten Momenten unseres Lebens, immer wieder Bahn brechen: das Wunder eines gehaltenen Versprechens, das Wunder einer Versöhnung nach Jahren des Schweigens, das Wunder eines einfachen "Danke", geschrieben von einer Kinderhand, die gerade erst wieder gelernt hatte, einen Stift zu halten.
Ich weiß nicht, wie viele weitere Bände dieses Archivs ich noch werde schreiben können. Aber ich weiß, dass mein Kasten, trotz der siebenundsiebzig Geschichten, die ich Ihnen hier erzählt habe, noch lange nicht leer ist, und dass ich, solange mir Zeit und Kraft dazu bleiben, weiter aus ihm schöpfen werde. Für all jene, die mich bis zum Ende dieses ersten Bandes begleitet haben, danke ich von ganzem Herzen. Sie haben mir erlaubt, noch einmal, mit der Ruhe des Rückblicks, durch ein ganzes Leben zu gehen, das mir mehr bedeutet hat, als ich es je vollständig in Worte fassen könnte.
Das war, was ich noch sagen wollte.
Diese Geschichte stammt aus „Das Archiv der Wunder" (Art Adoro). Vielleicht gehört die nächste Karte Ihnen.