Die leisen Fälle: kleine Wunder

Geschafft

11. Juli 2026 · 2 Min.

D.W. war neunundzwanzig, als er nach einem schweren Verkehrsunfall eine ausgedehnte Rückenmarksverletzung erlitt, deren erste Untersuchungen und Bildgebung auf eine vollständige, dauerhafte Querschnittslähmung unterhalb der Verletzungsstelle hindeuteten. Ich musste ihm und seiner Familie, wenige Tage nach dem Unfall, die schwierige Prognose mitteilen, dass eine vollständige Wiederherstellung seiner Gehfähigkeit nach allem, was wir zu diesem Zeitpunkt beurteilen konnten, äußerst unwahrscheinlich war. D.W. selbst, damals gerade einmal neunundzwanzig Jahre alt, mit dem gesamten Leben noch vor sich, dass er sich anders vorgestellt hatte, reagierte auf diese Nachricht mit einer stillen, aber deutlich spürbaren Entschlossenheit, die mich von Anfang an beeindruckte, eine Entschlossenheit, die ich in dieser Ausprägung selten bei so jungen Patienten in einer derart schwerwiegenden Situation erlebt hatte.

Trotz der anfänglich düsteren Prognose begann D.W. eine intensive, mehrjährige Reha, mit einer Disziplin und Beharrlichkeit, die selbst unsere erfahrensten Therapeuten immer wieder überraschte. Über die Monate zeigten sich erste, zunächst minimale Anzeichen einer teilweisen neurologischen Erholung, kleine, kaum messbare Verbesserungen, die D.W. jedoch mit unerschütterlicher Hoffnung als Ansporn nutzte, seine Reha noch intensiver fortzusetzen, weit über das übliche Maß hinaus, das die meisten Patienten in vergleichbarer Situation aufbrachten, oft bis zur eigenen körperlichen Erschöpfung, die er jedoch, wie er mir mehrfach versicherte, gerne in Kauf nahm.

Über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahren, mit unzähligen kleinen, mühsam erkämpften Fortschritten, gelang D.W. etwas, das zu Beginn niemand von uns für wahrscheinlich gehalten hätte: Er erlangte, schrittweise, zunehmende Kontrolle über seine Beine zurück, zunächst mit erheblicher Unterstützung, später mit zunehmend weniger Hilfsmitteln, bis er schließlich, an einem für ihn und für uns alle unvergesslichen Tag, ohne jede Gehhilfe mehrere eigenständige Schritte durch unseren Reha-Flur ging.

An jenem Tag, als D.W. diese ersten eigenständigen Schritte seit seinem Unfall machte, umringt von einem spontan zusammengelaufenen, tief bewegten Team, das über die Jahre seine gesamte Reha begleitet hatte, griff er, kaum dass er sich wieder gesetzt hatte, zu einem dicken Filzstift und schrieb, mit zittriger, aber entschlossener Hand, das eine Wort auf eine Karte, die ihm eine Schwester reichte: "GESCHAFFT." Er schrieb es so kräftig, dass sich die Buchstaben mehrfach überlagerten, als könne er seine eigene Genugtuung nicht in einem einzigen Schriftzug ausdrücken.

Ich bewahre diese Karte, mit ihrem kraftvoll geschriebenen "GESCHAFFT", als eines der eindrücklichsten Zeugnisse menschlicher Entschlossenheit in meinem gesamten Archiv. D.W.s Geschichte widerspricht nicht der medizinischen Vorsicht, mit der wir Prognosen bei schweren Rückenmarksverletzungen stellen müssen, solche unerwartet günstigen Verläufe bleiben die Ausnahme, nicht die Regel. Aber sie erinnert mich daran, dass unsere Prognosen, so sorgfältig und wissenschaftlich fundiert sie auch sein mögen, niemals das letzte Wort über das haben, was ein entschlossener Mensch, gegen alle statistischen Wahrscheinlichkeiten, erreichen kann, und dass es unsere Aufgabe als Ärzte ist, ehrlich über Wahrscheinlichkeiten zu sprechen, ohne dabei jemals den Raum für genau solche außergewöhnlichen Ausnahmen zu verschließen.

Diese Geschichte stammt aus „Das Archiv der Wunder" (Art Adoro). Vielleicht gehört die nächste Karte Ihnen.

Weitere Karten