Die leisen Fälle: kleine Wunder

Die Sternchen

28. Juli 2026 · 3 Min.

F.W. war neunundsechzig, seit seiner Jugend passionierter Hobbyastronom, als er mit einer zunehmenden Einschränkung seines Gesichtsfeldes zu mir kam, die er zunächst seinem fortschreitenden Alter zugeschrieben hatte. Er bemerkte sie am deutlichsten, wie er mir erzählte, gerade bei seinem geliebten nächtlichen Hobby: Sterne am Rand seines Blickfelds, die er früher mühelos wahrgenommen hätte, verschwanden zunehmend aus seiner Wahrnehmung, ein schleichender Verlust, der ihn zutiefst beunruhigte, weit mehr, wie er offen zugab, als es ihn beunruhigt hätte, wäre er "nur" im Straßenverkehr eingeschränkt gewesen. Er hatte, wie er mir erzählte, sogar eine Weile geglaubt, sein Teleskop selbst sei defekt, bevor ihm langsam klar wurde, dass das Problem nicht in der Optik, sondern in seinen eigenen Augen lag.

Die Untersuchung ergab einen gutartigen, aber deutlich vergrößerten Tumor der Hirnanhangdrüse, der auf die Sehnervenkreuzung drückte und dadurch genau jenen charakteristischen, beidseitigen Gesichtsfeldausfall verursachte, den F.W. bemerkt hatte. Diese Art der Sehstörung betrifft klassischerweise zunächst die äußeren Bereiche des Gesichtsfeldes, genau jene Zone, in der F.W. beim nächtlichen Blick durch sein Teleskop besonders empfindlich auf jede Veränderung reagierte. Eine operative Entlastung war medizinisch eindeutig indiziert, um eine weitere, potenziell irreversible Schädigung des Sehnervs zu verhindern, und ich erklärte ihm die Dringlichkeit mit besonderer Sorgfalt, da ich spürte, wie sehr seine Lebensqualität an seinem Sehvermögen hing.

Die Operation, ein sorgfältiger, über die Nasenhöhle durchgeführter Zugang zur Hirnanhangdrüse, gelang ohne Komplikationen, der Tumor konnte vollständig entfernt werden. Die Erholung des Gesichtsfeldes nach einer solchen Operation verläuft unterschiedlich, manchmal vollständig, manchmal nur teilweise, abhängig davon, wie lange der Druck bereits bestanden hatte. Bei F.W. zeigte sich in den Wochen nach der Operation eine bemerkenswert gute Rückbildung, die auch unsere eigenen Erwartungen übertraf, ein Umstand, den ich seiner vergleichsweise frühzeitigen Vorstellung zuschrieb, noch bevor der Tumor eine noch ausgedehntere Schädigung verursachen konnte.

F.W. kehrte, sobald es die postoperative Erholungsphase zuließ, zu seinem geliebten Teleskop zurück, und schickte mir, einige Wochen später, eine selbst aufgenommene Fotografie des Nachthimmels, mit einer handschriftlichen Notiz: "Ich sehe die Ränder wieder. Ich sehe alles wieder." Bei seinem letzten Kontrolltermin brachte er mir, mit einem verschmitzten Lächeln, ein kleines, selbst gemaltes Kärtchen mit, auf dem er, mit erstaunlichem künstlerischem Geschick für einen selbsternannten "hoffnungslosen Amateur", einen Ausschnitt des Sternenhimmels festgehalten hatte, und bat mich, einige dieser winzigen Sterne auch auf den Rand seiner eigenen Karteikarte malen zu dürfen.

Ich bewahre diese sternenverzierte Karte als eine meiner persönlichen Lieblingsgeschichten in diesem gesamten Archiv, weil sie mir zeigt, wie eng medizinische Diagnostik manchmal mit den ganz eigenen, individuellen Leidenschaften eines Menschen verbunden sein kann. F.W.s präzise Beobachtungsgabe als Amateurastronom, geschärft durch jahrzehntelange nächtliche Beobachtung, ermöglichte ihm eine Selbstwahrnehmung seiner eigenen Symptome, die deutlich früher und genauer war, als es bei vielen anderen Patienten mit derselben Erkrankung der Fall gewesen wäre. Manchmal, so lehrt mich dieser Fall, ist die persönliche Leidenschaft eines Menschen sein bestes diagnostisches Werkzeug, lange bevor er überhaupt eine Arztpraxis betritt, ein Gedanke, der mich seither dazu ermutigt hat, Patienten gezielter nach ihren eigenen Hobbys und Gewohnheiten zu fragen, wenn ich nach den ersten Anzeichen einer schleichenden Erkrankung suche.

Diese Geschichte stammt aus „Das Archiv der Wunder" (Art Adoro). Vielleicht gehört die nächste Karte Ihnen.

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