Die leisen Fälle: kleine Wunder
Die Nachtschicht-Rechnung
21. Juli 2026 · 2 Min.
Ich war jung, erschöpft, mitten in einer meiner ersten wirklich zermürbenden Nachtschichten als Assistenzarzt, als ich, während einer seltenen ruhigen Viertelstunde, aus schierer Erschöpfung heraus eine kleine, fast schon trotzige Rechnung auf den Rand einer Karteikarte kritzelte: die ungefähre Anzahl weiterer Nachtschichten, die noch vor mir lagen, bis ich meine Facharztausbildung abgeschlossen haben würde. Die Zahl, die ich errechnete, deprimierte mich in diesem Moment zutiefst, ein Gefühl der Erschöpfung, das mich, wie ich mich noch genau erinnere, kurzzeitig ernsthaft an meiner Berufswahl zweifeln ließ. Ich saß in jenem kleinen, fensterlosen Bereitschaftsraum, die Augen brennend vor Müdigkeit, und fragte mich zum ersten Mal ernsthaft, ob ich die Kraft für all die Jahre haben würde, die noch vor mir lagen.
Kaum hatte ich diese Zahl niedergeschrieben, wurde ich zu einem Notfall gerufen, einem jungen Mann mit einer akuten, dringend behandlungsbedürftigen Rückenmarksverletzung. Die folgenden Stunden verlangten mir jede noch verbliebene Konzentration ab, die ich in meinem übermüdeten Zustand aufbringen konnte, und ich erinnere mich an das intensive, beinahe meditative Gefühl völliger Fokussierung, das sich einstellte, sobald die eigentliche Behandlung begann, ein Gefühl, das jede vorherige Erschöpfung und jeden vorherigen Zweifel für die Dauer der Behandlung vollständig verdrängte, als hätte mein Körper in diesem Moment eine völlig neue Energiequelle gefunden.
Die Behandlung jenes jungen Mannes gelang, und als ich ihn am nächsten Morgen, bereits stabilisiert und ansprechbar, noch einmal besuchte, bevor meine Schicht endlich endete, dankte er mir mit einer Aufrichtigkeit, die mich, trotz meiner bleiernen Erschöpfung, tief berührte. In diesem Moment, an jenem übermüdeten Morgen, verstand ich etwas, das mir keine noch so kluge Berechnung auf einer Karteikarte hätte vermitteln können: dass die Erschöpfung, so real sie war, niemals das eigentliche Wesen dieses Berufs ausmachte. Das eigentliche Wesen lag in genau diesem einen Moment, dem Dank eines Menschen, dem ich hatte helfen können.
Ich strich jene Berechnung noch am selben Morgen durch, mit einem entschlossenen Strich, den ich bis heute auf dieser Karte sehen kann, nicht weil die Zahl falsch gewesen wäre, sondern weil sie plötzlich bedeutungslos erschien, verglichen mit dem, was ich in jener einen Nacht erlebt hatte. Ich absolvierte, in den folgenden Jahren, tatsächlich annähernd so viele Nachtschichten, wie ich damals in meiner Erschöpfung berechnet hatte, aber ich tat es mit einer grundlegend veränderten inneren Haltung.
Ich bewahre diese Karte mit der durchgestrichenen Berechnung als ehrliche Erinnerung an einen Moment echten Zweifelns, weil ich glaube, dass ein Vermächtnis, das nur von Gewissheit und Berufung erzählt, unvollständig und letztlich unglaubwürdig wäre. Auch ich habe gezweifelt, war erschöpft, habe mich gefragt, ob dieser Weg der richtige für mich war. Was mich all die Jahre trug, war nicht die Abwesenheit solcher Zweifel, sondern die verlässliche Erfahrung, dass gerade in den erschöpfendsten Momenten oft die bedeutsamsten Begegnungen lagen, die mich immer wieder aufs Neue davon überzeugten, dass ich, trotz aller Müdigkeit, genau am richtigen Ort war.
Diese Geschichte stammt aus „Das Archiv der Wunder" (Art Adoro). Vielleicht gehört die nächste Karte Ihnen.