Die leisen Fälle: kleine Wunder

Die Münze

05. August 2026 · 3 Min.

A.G. kam zu mir wegen eines fortgeschrittenen Bandscheibenvorfalls, medizinisch ein vergleichsweise gewöhnlicher Fall, der jedoch eine ungewöhnliche persönliche Begleiterscheinung mit sich brachte. Bei der Vorbereitung auf die Operation bat er mich, eine kleine, alte Münze, die er in einer Plastikhülle bei sich trug, während des Eingriffs an seinem Körper belassen zu dürfen, befestigt mit medizinischem Klebeband an einer Stelle, die den sterilen Bereich der Operation nicht beeinträchtigte. Die Münze, so erklärte er mir, hatte seinem vor wenigen Jahren verstorbenen Vater gehört, der sie sein Leben lang als persönlichen Talisman bei sich getragen hatte, durch Krieg, Flucht und einen schweren Neuanfang in einem fremden Land. Er erzählte mir die Geschichte dieser Münze mit einer Ruhe, die mir zeigte, wie oft er sie schon anderen erzählt haben musste, und doch schien jedes Wort noch genauso bedeutsam wie beim ersten Mal.

Ich erinnerte mich, während A.G. mir die Geschichte seines Vaters erzählte, an ähnliche Situationen aus früheren Kapiteln meines eigenen Berufslebens, an das Lavendelsäckchen einer anderen Patientin, an die Erkenntnis, die ich daraus gewonnen hatte: dass solche persönlichen Gegenstände, sofern sie die medizinische Sicherheit nicht gefährden, oft eine Bedeutung tragen, die weit über abergläubische Nebensächlichkeit hinausgeht. Wir fanden gemeinsam mit dem OP-Team eine praktikable, sterile Lösung, die es ihm ermöglichte, die Münze während der gesamten Operation nah am Körper zu tragen, ohne dass dies den eigentlichen Eingriff in irgendeiner Weise beeinträchtigte, eine kleine logistische Anpassung, die uns keine zusätzliche Mühe kostete, ihm aber offensichtlich sehr viel bedeutete.

Die Operation selbst verlief unkompliziert, technisch überschaubar, wie es bei den meisten Bandscheibenvorfällen dieser Art der Fall ist. A.G. erholte sich zügig und erzählte mir bei seiner Entlassung, dass er während der gesamten Wartezeit vor der Narkose das Gefühl gehabt habe, sein Vater sei "irgendwie mit im Raum", eine Empfindung, die ihm, wie er betonte, erheblich mehr Ruhe gegeben hatte als jedes Beruhigungsmittel, das man ihm hätte anbieten können.

A.G. erholte sich vollständig, ohne Komplikationen, und kehrte innerhalb weniger Wochen zu seinem gewohnten Alltag zurück. Bei seiner letzten Kontrolluntersuchung überreichte er mir, sichtlich bewegt, eine zweite, identische Münze aus derselben kleinen Sammlung seines Vaters, die er, wie er sagte, "schon lange für einen besonderen Anlass aufbewahrt" hatte. "Sie haben mir erlaubt, meinen Vater bei mir zu haben, als ich ihn am meisten brauchte", sagte er. "Das wollte ich Ihnen zurückgeben, auf meine Weise."

Ich habe diese Münze seither an dieser Karteikarte belassen, als stilles Zeugnis dafür, wie tief persönliche Erinnerung und medizinische Behandlung manchmal miteinander verwoben sein können. Solche Gegenstände, so unwissenschaftlich ihre Wirkung im engeren Sinne erscheinen mag, tragen für die Menschen, die sie bei sich tragen, oft eine reale, spürbare Kraft, die ich als Arzt gelernt habe zu respektieren, statt sie vorschnell als bloßen Aberglauben abzutun. Manchmal ist die wichtigste Aufgabe eines Chirurgen nicht nur, präzise zu operieren, sondern auch, Raum für das zu lassen, was einem Menschen in seinem verletzlichsten Moment Kraft gibt, selbst wenn diese Kraft aus einer kleinen, abgegriffenen Münze stammt, die Krieg und Flucht überdauert hat, bevor sie in einem sterilen Operationssaal ihren vielleicht ungewöhnlichsten Einsatz erlebte.

Diese Geschichte stammt aus „Das Archiv der Wunder" (Art Adoro). Vielleicht gehört die nächste Karte Ihnen.

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