Die leisen Fälle: kleine Wunder
Die Karte in roter Tinte
23. August 2026 · 3 Min.
Es gibt Karten in diesem Kasten, die ich nur schreibe, um mich selbst zu erinnern, nicht um mich zu rühmen. Diese eine trägt rote Tinte, weil ich mir damals, nach diesem Fall, geschworen habe, sie mir nie wieder in blauer, gleichgültiger Schrift zu notieren, so als sei sie eine Karte wie jede andere. W.H. war zweiundfünfzig Jahre alt, hatte sich wenige Tage zuvor einer unkomplizierten Bandscheibenoperation unterzogen, dem Routineeingriff, den ich zu diesem Zeitpunkt bereits Hunderte Male durchgeführt hatte. Am dritten Tag nach der Operation klagte er über zunehmende Rückenschmerzen, stärker als üblich. Ich sah ihn bei der Visite, hörte mir seine Beschwerden an und ordnete sie, wie es in den ersten Tagen nach einer solchen Operation nicht ungewöhnlich ist, dem normalen postoperativen Wundschmerz zu.
Am folgenden Tag stieg sein Fieber leicht an, seine Entzündungswerte im Blut waren erhöht, aber nicht dramatisch. Ich verordnete eine erweiterte Schmerzbehandlung und plante, ihn am nächsten Tag erneut zu beurteilen, in der Annahme, es handle sich um eine gewöhnliche, wenn auch etwas verzögerte Heilungsreaktion. Erst als eine aufmerksame Nachtschwester mich anrief, weil sie eine zunehmende Rötung im Wundbereich bemerkt hatte, die ihr "nicht richtig" vorkam, wie sie es formulierte, sah ich mir die Wunde selbst noch einmal genauer an. Was ich fand, war kein gewöhnlicher Wundschmerz, sondern die beginnenden Anzeichen eines epiduralen Abszesses, einer bakteriellen Infektion im Bereich des Operationsgebiets, die sich, unbehandelt, zu einer ernsten Bedrohung für das Rückenmark hätte entwickeln können. Ich hatte sie am Vortag übersehen, weil ich zu schnell eine naheliegende, aber falsche Erklärung akzeptiert hatte.
Wir operierten noch in derselben Nacht erneut, entfernten den Abszess und leiteten eine gezielte antibiotische Behandlung ein. Der Eingriff verlief gut, die Infektion wurde vollständig beherrscht, ohne dass eine bleibende Schädigung des Rückenmarks eintrat. Aber der eigentliche Moment, an den ich mich bis heute erinnere, war nicht die zweite Operation. Es war das Gespräch, das ich am nächsten Morgen mit W.H. und seiner Frau führte, in dem ich ihnen offen sagte, dass ich das Anzeichen tags zuvor hätte erkennen können und es nicht getan hatte. Ich hätte diesen Fehler auch verschweigen können, ihn als unvorhersehbare Komplikation darstellen, die niemanden trifft. Ich entschied mich, es nicht zu tun.
W.H. erholte sich vollständig, körperlich wie, wie ich später erfuhr, auch im Vertrauen zu mir als seinem Arzt, was mich zunächst überraschte. "Sie haben es zugegeben", sagte er, als ich ihn ein letztes Mal vor seiner Entlassung besuchte. "Das ist mehr, als die meisten tun würden." Wir sprachen später nie wieder darüber, aber ich habe diese Worte nie vergessen.
Ich nehme diese Karte in dieses Buch auf, obwohl sie mich in kein gutes Licht rückt, weil ich glaube, dass ein ehrliches Vermächtnis auch die eigenen Irrtümer nicht verschweigen darf. Jeder Arzt, der lange genug praktiziert, wird Momente erleben, in denen er zu schnell eine naheliegende Erklärung akzeptiert, statt genau genug hinzusehen. Was zählt, ist nicht, diese Momente zu leugnen, sondern ihnen mit Offenheit zu begegnen, gegenüber dem Patienten und gegenüber sich selbst. Diese rote Karte hat mich seither vorsichtiger gemacht, nicht ängstlicher, sondern aufmerksamer. Ich habe sie all die Jahre aufbewahrt, nicht aus Scham, sondern als Erinnerung daran, wie schmal manchmal der Grat zwischen Routine und Nachlässigkeit ist.
Diese Geschichte stammt aus „Das Archiv der Wunder" (Art Adoro). Vielleicht gehört die nächste Karte Ihnen.