Internationale Kollegen, internationale Zufälle
Die Karte in fremder Sprache
08. September 2026 · 2 Min.
Y.A. war vierundvierzig, wenige Monate zuvor aus einem Kriegsgebiet geflüchtet, als er mit einer schweren, vermutlich alten, nie fachgerecht behandelten Wirbelsäulenverletzung in unsere Klinik kam. Die eigentliche medizinische Herausforderung dieses Falls wurde von einer weiteren, ebenso erheblichen Schwierigkeit begleitet: Y.A. sprach kein Deutsch und nur wenige Brocken Englisch, während ich selbst seine Muttersprache nicht beherrschte. Die ersten Gespräche verliefen entsprechend mühsam, über eine Kombination aus Dolmetscherdiensten, die nicht immer sofort verfügbar waren, Übersetzungs-Apps und viel Geduld auf beiden Seiten. Ich erinnere mich an sein Gesicht bei unserem ersten Gespräch, eine Mischung aus Erschöpfung und einer stillen, fast schon resignierten Skepsis, ob ihm hier überhaupt jemand würde helfen können.
Die eigentliche diagnostische und operative Planung erforderte eine Präzision der Kommunikation, die durch diese Sprachbarriere erheblich erschwert wurde. Ich lernte in diesen Wochen, wie viel medizinische Kommunikation normalerweise auf Nuancen beruht, die bei einer Übersetzung über Dritte oder über technische Hilfsmittel verloren gehen können, und wie wichtig es war, jede wichtige Information mehrfach, auf unterschiedliche Weise, sicherzustellen. Ein junger Pflegepraktikant, der zufällig dieselbe Sprachregion sprach, wurde in jenen Wochen zu einer unschätzbaren Hilfe, übersetzte in seiner Freizeit freiwillig zusätzliche Gespräche, weit über seine eigentlichen Aufgaben hinaus, mit einer Hingabe, die mich tief beeindruckte und die ich bei einem so jungen Praktikanten nicht erwartet hätte.
Die Operation selbst, eine komplexe Korrektur der alten, verheilten, aber fehlerhaft konsolidierten Fraktur, verlief erfolgreich, technisch anspruchsvoll, aber ohne die zusätzliche Erschwernis der sprachlichen Verständigungsprobleme, die uns in der Vorbereitungsphase so viel Mühe bereitet hatten. Als Y.A. nach der Operation aufwachte und, trotz der Schmerzen, ein spürbares Gefühl der Erleichterung über sein Gesicht huschte, während er versuchte, mir in gebrochenem Deutsch zu danken, verstand ich, wie viel diese Behandlung für ihn bedeutete, weit über die reine körperliche Genesung hinaus.
Y.A. erholte sich gut, begann während seines Aufenthalts sogar, mit spürbarem Eifer, erste deutsche Wörter zu lernen, oft angeleitet von genau jenem Pflegepraktikanten, der ihm in den ersten Wochen so wertvoll zur Seite gestanden hatte. Bei seiner Entlassung überreichte er mir eine kleine, handgeschriebene Karte, in seiner eigenen Muttersprache verfasst, die ich mir später vollständig übersetzen ließ: Worte des Dankes, die, wie mir der Übersetzer versicherte, in seiner Sprache eine besondere, poetische Form der Dankbarkeit ausdrückten, die sich im Deutschen nur unzureichend wiedergeben ließ.
Ich bewahre diese Karte, die einzige fremdsprachige in meinem gesamten Kasten, als bewusste Erinnerung daran, dass die Sprache der Medizin manchmal jenseits der eigentlichen Worte liegt, in der Geduld, mit der wir Verständigung suchen, auch wenn sie mühsam ist, und in der gemeinsamen Anstrengung, die eine Behandlung manchmal von allen Beteiligten verlangt, nicht nur vom behandelnden Arzt. Y.A.s Geschichte hat mir gezeigt, dass Sprachbarrieren, so erschwerend sie im medizinischen Alltag sein können, kein unüberwindbares Hindernis für gute, respektvolle Behandlung darstellen müssen, solange alle Beteiligten bereit sind, die zusätzliche Mühe auf sich zu nehmen, die eine wirklich verständliche Kommunikation manchmal erfordert, und solange sich, wie in diesem Fall, unerwartete Helfer finden, die bereit sind, diese Mühe mitzutragen.
Diese Geschichte stammt aus „Das Archiv der Wunder" (Art Adoro). Vielleicht gehört die nächste Karte Ihnen.