Die leisen Fälle: kleine Wunder
Die Karte, die ich fast versteckt hätte
12. August 2026 · 2 Min.
Es gibt eine Karte in diesem Kasten, die ich lange nicht schreiben wollte, weil sie von mir selbst handelt, nicht von einem meiner Patienten. Ich schreibe sie trotzdem auf, aus demselben Grund, aus dem ich die zerknitterte Karte und die rote Karte in dieses Buch aufgenommen habe: weil ein ehrliches Vermächtnis auch die eigenen, kleineren Wahrheiten nicht verschweigen sollte. Mitten in einer besonders arbeitsreichen Woche entwickelte ich selbst, an einem gewöhnlichen Dienstagabend, zunehmende Bauchschmerzen, die ich zunächst, wie es Ärzte gerne tun, mit einer gewissen professionellen Selbstüberschätzung als "vermutlich nichts Ernstes" abtat und mit einem verschobenen Abendessen und etwas Ruhe zu behandeln versuchte.
Erst als die Schmerzen sich über Nacht deutlich verschlimmerten und sich in einer für mich, trotz meiner eigenen medizinischen Ausbildung, überraschend eindeutigen Weise lokalisierten, gestand ich mir ein, was ich vermutlich schon Stunden zuvor hätte erkennen müssen: eine akute Blinddarmentzündung, ein Krankheitsbild, das ich in meiner beruflichen Laufbahn unzählige Male bei anderen diagnostiziert, aber nie an mir selbst erwartet hatte. Ich fuhr, entgegen jeder Vernunft, zunächst noch selbst zur Klinik, bevor ein kluger Kollege in der Notaufnahme mir energisch klarmachte, dass ich mich ab sofort ausschließlich als Patient zu verhalten hätte, nicht als mitdiagnostizierender Kollege.
Die anschließende Operation, ein für meine chirurgischen Kollegen technisch vollkommen unspektakulärer Routineeingriff, verlief ohne jede Komplikation. Was mich jedoch nachhaltiger beschäftigte als der Eingriff selbst, war die ungewohnte Erfahrung, zum ersten Mal seit Jahrzehnten auf der anderen Seite des OP-Tisches zu liegen, wehrlos, narkotisiert, vollständig abhängig von Menschen, deren Gesichter ich hinter Mundschutz und OP-Haube kaum erkennen konnte. Ich erinnere mich an das eigentümliche Gefühl kurz vor der Narkoseeinleitung, als eine mir unbekannte Anästhesistin meine Hand nahm und sagte: "Sie sind jetzt bei uns in guten Händen, Herr Professor." Ich hatte diesen Satz selbst unzählige Male zu meinen eigenen Patienten gesagt. Ihn zum ersten Mal selbst zu hören, veränderte etwas in mir, das ich vorher nicht für möglich gehalten hätte.
Ich erholte mich rasch, wie es bei diesem vergleichsweise kleinen Eingriff zu erwarten war, aber die eigentliche Erholung, die mich noch lange beschäftigte, war keine körperliche. Ich verbrachte die wenigen Tage meines eigenen Krankenhausaufenthalts damit, meine eigene Klinik aus einer völlig neuen Perspektive zu beobachten: das Warten auf die morgendliche Visite, die eigentümliche Machtlosigkeit, die selbst kleine medizinische Prozeduren mit sich bringen, die Dankbarkeit für jedes freundliche Wort einer Pflegekraft, die kein Teil ihrer eigentlichen Aufgabe war, sondern ein bewusstes, zusätzliches Geschenk.
Ich habe diese winzige Karte lange in einer Schublade versteckt gehalten, nicht aus Scham über meine Erkrankung selbst, sondern aus einer eigentümlichen Verlegenheit darüber, selbst zum Patienten geworden zu sein, nach so vielen Jahren, in denen ich mich selbst primär auf der anderen Seite dieser Beziehung gesehen hatte. Ich nehme sie jetzt, am Ende meines beruflichen Lebens, bewusst in dieses Archiv auf, weil ich glaube, dass jeder Arzt, der lange genug praktiziert, gelegentlich selbst erleben sollte, wie es sich anfühlt, in genau jener Position zu liegen, in der wir tagtäglich andere Menschen sehen.
Diese Geschichte stammt aus „Das Archiv der Wunder" (Art Adoro). Vielleicht gehört die nächste Karte Ihnen.