Die leisen Fälle: kleine Wunder
Die Jahrestags Karte
07. August 2026 · 3 Min.
L.P. war acht Jahre alt, als bei ihm ein Tumor im Bereich des Kleinhirns diagnostiziert wurde, ein Befund, der seine Eltern und ihn selbst in eine der schwersten Krisen ihres bisherigen Lebens stürzte. Die Operation, die wir wenige Tage nach der Diagnose durchführten, war technisch anspruchsvoll, in einer Region des Gehirns, die für Gleichgewicht und Koordination zentral ist, und barg entsprechend nicht unerhebliche Risiken. L.P. selbst, so jung er war, stellte mir vor der Operation eine Frage, die ich nie vergessen habe: "Werde ich danach noch Fahrrad fahren können?" Seine Eltern, die neben ihm standen, versuchten sichtlich, ihre eigene Fassung zu bewahren, während sie diese kindliche, gleichzeitig zutiefst existenzielle Frage hörten.
Die Operation gelang, der Tumor konnte vollständig und ohne bleibende neurologische Schäden entfernt werden, ein Ergebnis, das angesichts der schwierigen anatomischen Lage keineswegs selbstverständlich war. Als L.P. wenige Wochen später zur ersten Kontrolle kam, war seine allererste Frage an mich nicht nach seinem Befund, sondern eine triumphierende Feststellung: "Ich bin heute schon wieder Fahrrad gefahren!" Bei diesem Termin entstand, eher zufällig, ein kleines Ritual, das sich über die folgenden achtzehn Jahre fortsetzen sollte: Er bat mich, ihm seine eigene Karteikarte zu zeigen, betrachtete sie aufmerksam, als handle es sich um ein wichtiges Dokument seines eigenen Lebens, das es war, und stellte mir jedes Mal dieselbe Frage: "Steht da drauf, dass ich es geschafft habe?"
In den folgenden Jahren kam L.P. nicht mehr aus medizinischer Notwendigkeit zu mir, seine Nachsorgeuntersuchungen wurden zunehmend seltener, bis sie schließlich, nach den üblichen Kontrollintervallen, ganz endeten. Aber er kam weiterhin, jedes Jahr, am Jahrestag seiner Operation, zu einem kurzen, informellen Besuch, oft nur für wenige Minuten zwischen meinen anderen Terminen, um mir von seinem vergangenen Jahr zu erzählen und, wie es inzwischen feste Tradition geworden war, gemeinsam mit mir noch einmal seine Karteikarte zu betrachten.
L.P. ist heute sechsundzwanzig, hat sein Studium abgeschlossen, führt ein vollkommen normales, aktives Leben, das seine Kindheitsdiagnose in keiner Weise mehr einschränkt. Bei seinem letzten Besuch, kurz bevor ich begann, dieses Buch zu schreiben, erzählte er mir, er plane, im kommenden Jahr selbst eine Familie zu gründen, und fragte mich, halb scherzhaft, halb ernst, ob er seine eigenen Kinder eines Tages mitbringen dürfe, um ihnen "die Karte zu zeigen, die ihr Papa fast zerdrückt hat, weil er sie so oft angefasst hat."
Diese Karte, deren Rand ich mit buntem Klebeband verstärkt habe, damit sie den jährlichen Besuchen weiterhin standhält, ist für mich mehr als die Dokumentation eines einzelnen medizinischen Falls. Sie ist ein lebendiges, sich jedes Jahr erneuerndes Zeugnis dafür, wie sehr eine einzelne Operation, so technisch anspruchsvoll sie war, letztlich nur der Anfang einer viel längeren gemeinsamen Geschichte sein kann. Ich weiß nicht, wie viele weitere Jahrestage ich selbst noch erleben werde, aber ich hoffe, dass L.P. dieses kleine Ritual auch dann fortsetzt, wenn diese Karte längst nicht mehr in meinen, sondern in seinen eigenen Händen liegt. Vielleicht wird er sie eines Tages seinen eigenen Kindern zeigen, so wie er es sich bereits vorgenommen hat, und ihnen erzählen, was ein achtjähriger Junge einst über das Fahrradfahren wissen wollte, kurz bevor er in einen Operationssaal gebracht wurde.
Diese Geschichte stammt aus „Das Archiv der Wunder" (Art Adoro). Vielleicht gehört die nächste Karte Ihnen.