Die leisen Fälle: kleine Wunder
Die Handschrift meines Lehrers
24. August 2026 · 3 Min.
Nicht jede Karte in diesem Kasten stammt von mir. Diese hier fand ich, Jahre nach seinem Tod, unter den Papieren meines eigenen Lehrers, eines Mannes, der mich als jungen Assistenzarzt geformt hat wie kein Zweiter, und den ich hier nur mit dem Anfangsbuchstaben nenne, aus Respekt vor seiner eigenen Zurückhaltung. Er hatte, das wusste ich damals nicht, dieselbe Angewohnheit wie ich: Er notierte sich die Fälle, die ihn nicht losließen. Diese Karte fand ich zwischen alten Vorlesungsunterlagen, und als ich seine kantige, schnelle Handschrift erkannte, wusste ich sofort, dass sie in diesen Kasten gehörte. Der Fall, den sie beschrieb, stammte aus seiner eigenen jungen Zeit als Chirurg, lange bevor ich ihn kennenlernte.
Er beschrieb einen Patienten mit einer komplexen Wirbelsäulenfehlbildung, einen Fall, an dem er, wie er selbst schrieb, "zum ersten Mal in meiner Laufbahn ernsthaft zweifelte, ob ich der Richtige für diese Operation bin." Ein anderer, renommierterer Kollege hatte den Fall bereits abgelehnt, aus Sorge vor dem eigenen Ruf, sollte etwas schiefgehen. Mein Lehrer, damals selbst noch jung, stand vor der Wahl, den Patienten ebenfalls weiterzuschicken, in eine noch fernere Klinik, mit noch längerer Wartezeit, oder sich der eigenen Unsicherheit zu stellen. Auf der Karte stand ein Satz, den ich seither nie vergessen habe: "Ich habe mich gefragt, ob ich aus echter Vorsicht zögere oder aus Angst vor dem eigenen Versagen. Das ist nicht dasselbe."
Er entschied sich, mit gründlicher Vorbereitung, mit der Unterstützung zweier erfahrener Kollegen, die er eigens hinzuzog, die Operation selbst durchzuführen, statt den Patienten aus Selbstschutz weiterzureichen. Die Karte beschrieb die OP selbst nur knapp, in wenigen, fast nüchternen Sätzen, so wie er auch mir später jede Operation beibrachte: konzentriert auf das Wesentliche, ohne unnötige Dramatik. Der Eingriff gelang. Aber das war, wie ich aus den vielen Gesprächen weiß, die wir später über genau diesen Fall führten, nicht der Punkt, den er mir vermitteln wollte, wenn er davon erzählte. Der Punkt war die Ehrlichkeit, mit der er sich selbst gefragt hatte, aus welchem Grund er eigentlich zögerte.
Der Patient, so erzählte mein Lehrer mir Jahre später bei einem Abendessen, das mir noch lebhaft in Erinnerung ist, führte in den folgenden Jahrzehnten ein völlig normales Leben, gründete eine Familie, wurde alt. Mein Lehrer selbst traf ihn nie wieder persönlich, aber ein gemeinsamer Bekannter berichtete ihm gelegentlich, wie es ihm ging. "Manchmal", sagte er zu mir, "muss man Nachrichten über den Verbleib eines Lebens, das man einmal gerettet hat, aus zweiter Hand annehmen. Das reicht auch."
Ich habe diese Karte in meinen eigenen Kasten aufgenommen, obwohl sie nicht von meiner Hand stammt, weil sie mir zeigt, woher die Haltung kommt, mit der ich selbst später durch mein Berufsleben gegangen bin. Mein Lehrer hat mir nie in einer Vorlesung erklärt, wie man zwischen echter Vorsicht und Angst vor dem eigenen Versagen unterscheidet. Er hat es mir gezeigt, indem er mir diese eine Geschichte erzählte, in einem ruhigen Moment, ohne Pathos, so wie er alles erzählte. Ich gebe sie hier weiter, in seiner eigenen Handschrift zwischen den Zeilen, weil ich glaube, dass genau das die eigentliche Aufgabe eines Lehrers in der Medizin ist: nicht Technik zu vermitteln, sondern die Fähigkeit, sich selbst ehrlich zu befragen, bevor man eine Entscheidung trifft, die ein anderes Leben betrifft.
Diese Geschichte stammt aus „Das Archiv der Wunder" (Art Adoro). Vielleicht gehört die nächste Karte Ihnen.