Adoro Journal – Begleittexte

Der zweite Weg

08. Juli 2026 · 3 Min.

Ich öffne die Augen wieder, das Zimmer noch im Halbdunkel, nur die Leselampe und der Rest des Feuers werfen Licht. Satie ist zu Ende, die Nadel kratzt leise im Auslaufrillen-Rhythmus, den ich all die Jahre nie ganz abgestellt habe, weil mir das leise, gleichmäßige Knistern selbst zu einer Art Musik geworden ist. Ich stehe auf, hebe den Arm des Plattenspielers an, lege die Platte zurück in ihre Hülle. Meine Frau hat aufgehört zu üben. Durch die angelehnte Tür höre ich sie in der Küche, das leise Klappern einer Tasse, Wasser, das in den Kessel läuft. Ich gieße mir das letzte Glas aus der Flasche ein, öffne, fast automatisch, eine neue.

Das Comenius-Kolleg in Mettingen, 1975. Ein Klassenzimmer mit fünfundzwanzig Erwachsenen, die meisten deutlich älter als ich, gerade zwanzig geworden, mit einer abgeschlossenen Banklehre in der Tasche und einer Entschlossenheit im Bauch, die mich manchmal selbst überraschte. Neben mir sitzt ein Mann, Mitte dreißig, ehemaliger Bergmann aus dem Ruhrgebiet, dessen Hände noch immer die tiefen, dunklen Linien der Kohle tragen, obwohl er seit Jahren nicht mehr eingefahren ist. Vor mir eine Frau, Anfang vierzig, die ihre drei Kinder morgens zur Schule bringt, bevor sie selbst die Schulbank drückt, und abends, nach dem Unterricht, wieder für sie kocht.

Wir alle eint dasselbe: Wir haben, aus welchen Gründen auch immer, den ersten, geraden Weg verpasst, und wir versuchen jetzt, mit zusammengebissenen Zähnen, einen zweiten zu finden. Unser Lehrer für Biologie, ein hagerer Mann namens Dr. Fentzloff, mit einer Leidenschaft für sein Fach, die mich sofort ansteckte, bemerkt früh, dass ich mich besonders für die Kapitel über das Nervensystem interessiere. Er leiht mir Bücher, die deutlich über unseren Lehrplan hinausgehen, echte Fachliteratur, in der ich mich, nach den langweiligen Bankabenden meiner Lehrzeit, zum ersten Mal seit Jahren wieder wie ein Kind fühle, das etwas wirklich Neues entdeckt.

Die drei Jahre am Kolleg sind hart. Ich arbeite abends und an den Wochenenden, um mein Studium zu finanzieren, mein Vater unterstützt mich, so gut er kann, aber es reicht nicht für alles. Ich erinnere mich an Nächte, in denen ich, erschöpft von einer Doppelschicht, um zwei Uhr morgens noch Latein-Vokabeln pauke, weil die Klausur am nächsten Morgen keine Rücksicht auf meine Müdigkeit nehmen wird. Ich erinnere mich an den Moment, in dem der Bergmann neben mir, nach einer besonders schweren Mathematikklausur, seinen Kopf auf den Tisch legt und leise weint, nicht aus Schwäche, sondern aus der schieren Erschöpfung eines Mannes, der sich, mit fünfunddreißig, noch einmal ganz neu erfindet. Ich lege ihm die Hand auf die Schulter. Wir sagen nichts. Wir müssen nichts sagen.

Im Sommer 1978, an einem drückend heißen Julitag, sitze ich in der Aula des Kollegs, das Abiturzeugnis noch feucht von der Druckerschwärze in den Händen, und spüre eine Genugtuung, die tiefer geht als alles, was ich bis dahin erlebt hatte. Ich habe es geschafft. Der zweite Weg war kein Umweg. Er war, wie ich in den folgenden Jahrzehnten immer wieder feststellen sollte, mein eigentlicher, mein einziger Weg.

Ich höre, wie meine Frau die Küche verlässt, ihre Schritte im Flur, dann die Tür zu unserem Schlafzimmer, die sich leise schließt. Sie weiß, dass ich an solchen Abenden noch lange hier unten sitzen werde, mit meinem Kasten, meinem Wein, meinen Erinnerungen. Sie hat gelernt, mir diesen Raum zu lassen, so wie ich gelernt habe, ihr die Musik zu lassen, die sie braucht, um ihren eigenen Tag ausklingen zu lassen.

Ich lege einen neuen Scheit nach, ein letztes Mal für diesen Abend, und lasse mich in die nächste Erinnerung fallen: den Brief, der mich, ein Jahr nach dem Abitur, erreichte, mit der Nachricht, dass ich auf einen Medizin-Studienplatz noch mindestens vier weitere Jahre würde warten müssen.

#

Diese Geschichte stammt aus „Das Archiv der Wunder" (Art Adoro). Vielleicht gehört die nächste Karte Ihnen.

Weitere Karten