Skurrile Unfälle
Der Zeitungsausschnitt
01. September 2026 · 2 Min.
J.K. war sechsundzwanzig, ein passionierter Wanderer, der bei einem plötzlich aufziehenden Sommergewitter von einem Blitz getroffen wurde, während er auf einem exponierten Grat unterwegs war. Er überlebte den direkten Einschlag, erlitt jedoch eine begleitende spinale Verletzung, vermutlich durch den heftigen, unwillkürlichen Muskelkrampf, den der elektrische Schlag durch seinen gesamten Körper auslöste. Ein solcher Fall, so selten er ist, weckte naturgemäß das Interesse der örtlichen Presse, die über den "Mann, der einen Blitzeinschlag überlebte" berichtete, kaum dass die Nachricht in unserer Klinik bekannt wurde. Ich selbst erfuhr erst durch einen Kollegen, der mir den Artikel unter die Nase hielt, dass unser eher unspektakulärer Klinikalltag plötzlich zur Lokalsensation geworden war.
Der Artikel, der wenige Tage nach der Operation erschien, war in seiner Grundaussage korrekt, enthielt jedoch, wie es bei medizinischen Themen in der allgemeinen Presse gelegentlich vorkommt, einige sachliche Ungenauigkeiten, die mich zunächst amüsierten, dann aber auch etwas nachdenklich stimmten: eine übertriebene Dramatisierung der eigentlichen Operation, eine falsche Beschreibung der Verletzung selbst, sowie ein Zitat, das mir zugeschrieben wurde, dass ich in dieser Form nie geäußert hatte. J.K. selbst, dem ich den Artikel bei seinem nächsten Kontrolltermin zeigte, lachte herzlich über die blumigen Formulierungen und markierte gemeinsam mit mir, mit einem roten Stift, jeden einzelnen sachlichen Fehler, den wir im Text finden konnten, eine kleine, gemeinsame Übung, die uns beiden sichtlich Freude bereitete.
Die eigentliche Operation, weit weniger dramatisch, als es der Zeitungsartikel suggerierte, bestand in einer sorgfältigen Stabilisierung der durch den Muskelkrampf verursachten Wirbelverletzung, ein Eingriff, der zwar technisch anspruchsvoll, aber keineswegs so spektakulär war, wie ihn die journalistische Darstellung erscheinen ließ. Ich erinnere mich, wie ich J.K. nach der Operation erklärte, dass die eigentliche Herausforderung dieses Falls weniger in der Dramatik seiner ungewöhnlichen Verletzungsursache lag, sondern in der sorgfältigen, unspektakulären Präzision, die jede Wirbelsäulenoperation erfordert, unabhängig davon, wie außergewöhnlich ihre Vorgeschichte war.
J.K. erholte sich vollständig und kehrte, nach einer angemessenen Erholungsphase, sogar wieder zum Wandern zurück, wenn auch, wie er selbst betonte, "mit einem neuen, gesunden Respekt vor Sommergewittern und der Kunst, rechtzeitig umzukehren." Er behielt den korrigierten Zeitungsausschnitt, mit unseren gemeinsamen roten Anmerkungen, als kuriose Erinnerung an diese ungewöhnliche Episode seines Lebens, eine Kopie schickte er mir für meinen eigenen Kasten, versehen mit einer kleinen, handschriftlichen Notiz: "Für Ihr Archiv der schlecht recherchierten Wunder."
Ich bewahre diesen Zeitungsausschnitt als humorvolle, aber auch lehrreiche Erinnerung daran, wie unterschiedlich medizinische Ereignisse von innen und von außen wahrgenommen werden können. Für die Öffentlichkeit war J.K.s Fall vor allem eine spektakuläre, fast sensationelle Geschichte über einen überlebten Blitzeinschlag. Für mich und mein Team war er, bei aller Dramatik der Vorgeschichte, vor allem eine weitere sorgfältig durchgeführte Wirbelsäulenoperation, die derselben Präzision und Aufmerksamkeit bedurfte wie jede andere auch.
Diese Geschichte stammt aus „Das Archiv der Wunder" (Art Adoro). Vielleicht gehört die nächste Karte Ihnen.