Die leisen Fälle: kleine Wunder
Der Umschlag
30. Juli 2026 · 3 Min.
Ich habe diesen Umschlag über Jahrzehnte in meinem Kasten mitgeführt, ohne ihn zu öffnen, obwohl ich genau wusste, was darin stand, weil ich ihn selbst geschrieben hatte, vor sehr langer Zeit, als ich noch ein sehr junger Medizinstudent war. Mein Vater erlitt, als ich zwölf Jahre alt war, bei einem Arbeitsunfall eine schwere Rückenmarksverletzung. Die medizinische Versorgung, die er zu jener Zeit und an jenem Ort erhielt, war, gemessen an den Möglichkeiten, die ich später in meinem eigenen Berufsleben zur Verfügung haben würde, unzureichend, verzögert, geprägt von einer gewissen Resignation gegenüber seinem Alter und seiner sozialen Stellung, die mir schon als Kind zutiefst ungerecht erschien.
Ich saß, als Zwölfjähriger, viele Stunden in Krankenhausfluren, hörte Ärzte in gedämpften Stimmen über meinen Vater sprechen, als sei er bereits ein abgeschlossener Fall, nicht mehr ein Mensch mit einer Zukunft, um die es sich zu kämpfen lohnte. Diese Erfahrung, so schmerzhaft sie für mich als Kind war, wurde, ohne dass ich es damals bereits verstand, zum eigentlichen, tief verwurzelten Grund meiner späteren Berufswahl. Ich wollte, so gut ich es rekonstruieren kann, nie wieder ein Kind in einem solchen Flur sitzen lassen, dass dieselbe hilflose Wut spürte, die ich damals empfand.
Mein Vater überlebte, mit bleibenden, erheblichen Einschränkungen, die sein weiteres Leben prägten, aber nie ganz seinen Lebensmut brachen. Er selbst hat mich nie explizit ermutigt, Medizin zu studieren, geschweige denn Neurochirurg zu werden, aber ich glaube, dass er, hätte er die Möglichkeit gehabt, meine gesamte spätere Laufbahn zu verfolgen, tief bewegt gewesen wäre zu sehen, wozu jene eine schreckliche Erfahrung meiner Kindheit letztlich geführt hat. Jeder einzelne Patient, den ich in den folgenden Jahrzehnten behandelte, trug, ohne es zu wissen, auch etwas von meinem Vater in sich, von jenem Versprechen, das ich mir als Zwölfjähriger, ohne es damals in Worte fassen zu können, selbst gegeben hatte.
Ich habe meinem Vater, bevor er vor vielen Jahren verstarb, einmal, in einem seltenen offenen Gespräch, erzählt, wie sehr seine eigene Erkrankung meine Berufswahl geprägt hatte. Er war zunächst still, dann sagte er nur: "Dann war es wenigstens zu etwas gut." Dieser Satz begleitet mich bis heute, in jeder Operation, die ich je durchgeführt habe, in jedem Gespräch mit einer besorgten Familie in einem Krankenhausflur, dass ich stets mit dem Bewusstsein führte, dass genau in diesem Moment vielleicht ein Kind neben mir stand, das genauso zuhörte, wie ich es einst getan hatte.
Ich öffne diesen Umschlag jetzt, zum ersten Mal seit Jahrzehnten, um seinen Inhalt mit Ihnen zu teilen, weil ich glaube, dass Sie, die Sie bis hierher in diesem Buch gelesen haben, verstehen sollten, woher die Haltung stammt, mit der ich all die vorangegangenen Geschichten erzählt habe. Jede Karte in diesem Kasten, jede einzelne Geschichte von Rettung, von Zuhören, von Menschlichkeit inmitten medizinischer Fachlichkeit, hat ihren Ursprung in jenem einen Krankenhausflur meiner eigenen Kindheit. Manche Wunden heilen nie vollständig. Aber manche Wunden, so habe ich gelernt, können zu etwas werden, das anderen Menschen über ein ganzes Leben hinweg hilft, auch wenn der Mensch, der diese Wunde ursprünglich erlitten hat, selbst nie vollständig davon profitieren konnte.
Diese Geschichte stammt aus „Das Archiv der Wunder" (Art Adoro). Vielleicht gehört die nächste Karte Ihnen.