Die leisen Fälle: kleine Wunder

Der Kompass

27. Juli 2026 · 2 Min.

R.H. war zweiundfünfzig, seit Jahrzehnten als Bergführer tätig und in seiner Freizeit erfolgreicher Orientierungsläufer, ein Sport, der höchste Anforderungen an die eigene Körperwahrnehmung und räumliche Orientierung stellt. Umso beunruhigender war für ihn die schleichende Entwicklung, die ihn zu mir führte: eine zunehmende Unsicherheit beim Gehen, besonders in der Dunkelheit oder mit geschlossenen Augen, ein Gefühl, wie er es beschrieb, "als würde mein eigener Körper mir nicht mehr sagen, wo meine Füße gerade stehen." Für einen Mann, dessen gesamtes berufliches und sportliches Leben auf genau dieser Körperwahrnehmung beruhte, war diese Entwicklung zutiefst beunruhigend, und er formulierte seine Sorge mit einer Präzision, die mir sofort zeigte, wie genau er sich selbst über Jahrzehnte beobachten gelernt hatte.

Die Untersuchung und anschließende Bildgebung zeigten eine Syringomyelie, eine flüssigkeitsgefüllte Höhlenbildung innerhalb des Rückenmarks, die selektiv genau jene Nervenbahnen beeinträchtigte, die für die Tiefensensibilität zuständig sind, jenes oft unterschätzte Sinnessystem, das uns normalerweise, ganz ohne bewusstes Hinsehen, jederzeit über die genaue Position unserer Gliedmaßen im Raum informiert. Diese Erkrankung erklärte präzise die Symptome, die R.H. beschrieben hatte, und machte zugleich deutlich, warum ausgerechnet ein Mensch mit seiner beruflichen und sportlichen Vergangenheit diese subtile Störung so früh und so klar bei sich selbst bemerkt hatte, deutlich früher, als es die meisten anderen Patienten mit vergleichbaren, aber weniger auf präzise Körperwahrnehmung angewiesenen Berufen vermutlich bemerkt hätten, was einmal mehr zeigte, wie sehr die individuelle Lebensgeschichte eines Patienten die eigene diagnostische Wachsamkeit prägen kann.

Die Operation, eine sorgfältige Entlastung der Höhlenbildung, um ein weiteres Fortschreiten der Nervenschädigung zu verhindern, verlief ohne Komplikationen. Die bereits eingetretene Beeinträchtigung der Tiefensensibilität bildete sich in den folgenden Monaten teilweise zurück, wenn auch nicht vollständig, ein Verlauf, den ich R.H. bereits vor der Operation so ehrlich wie möglich in Aussicht gestellt hatte, um keine überzogenen Erwartungen zu wecken. Er selbst begegnete dieser teilweisen, aber unvollständigen Erholung mit einer bemerkenswerten pragmatischen Gelassenheit, die mich, angesichts der Bedeutung, die seine körperliche Präzision für sein gesamtes Leben hatte, tief beeindruckte.

R.H. kehrte, mit angepassten Techniken und einem bewussteren, kompensatorischen Einsatz seiner verbliebenen Sinne, zu seinem Beruf als Bergführer zurück, wenn auch, wie er selbst offen zugab, "nicht mehr ganz derselbe Läufer wie früher." Er nahm nicht mehr an Wettkämpfen im Orientierungslauf teil, fand aber, wie er mir bei einem späteren Besuch erzählte, eine neue, tiefere Wertschätzung für die bewusste, aufmerksame Wahrnehmung seines eigenen Körpers, die er zuvor, wie er selbst einräumte, "als selbstverständlich hingenommen hatte, bis sie mir teilweise genommen wurde."

Ich bewahre den kleinen Kompass-Aufkleber, den er mir bei seinem letzten Besuch schenkte, als Sinnbild für eine der grundlegenden Lehren, die mir dieser Beruf über die Jahre vermittelt hat: dass unser Körper über Sinnessysteme verfügt, die wir erst dann bewusst wahrnehmen, wenn sie gestört sind, und dass Menschen, die beruflich oder sportlich in besonderem Maße auf diese Systeme angewiesen sind, oft die aufmerksamsten, präzisesten Beobachter ihrer eigenen, frühesten Symptome werden.

Diese Geschichte stammt aus „Das Archiv der Wunder" (Art Adoro). Vielleicht gehört die nächste Karte Ihnen.

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