Schulmedizin trifft Alternativmedizin
Der Klebezettel, der später kam
06. September 2026 · 3 Min.
R.K. kam ursprünglich, mit einundfünfzig Jahren, wegen anhaltender Schmerzen nach einer bereits Jahre zuvor durchgeführten Bandscheibenoperation zu mir, eine sogenannte chronische Schmerzsymptomatik, die trotz technisch erfolgreicher Operation fortbestand, ähnlich manchen Fällen, die wir bereits an anderer Stelle in diesem Buch besprochen haben. Die üblichen medikamentösen und physiotherapeutischen Ansätze hatten nur begrenzte Linderung gebracht, und R.K. erzählte mir, eher beiläufig, dass sie parallel dazu mit Tai-Chi begonnen hatte, einer traditionellen chinesischen Bewegungspraxis, auf Anraten einer Freundin, ohne große Erwartungen, aber „,weil ich sonst nichts mehr zu verlieren hatte."
Ich muss zugeben, dass ich diese Information damals mit einer gewissen professionellen Zurückhaltung aufnahm. Meine Ausbildung hatte mich gelehrt, wissenschaftlich fundierte Evidenz höher zu gewichten als anekdotische Berichte über alternative Bewegungspraktiken, und ich notierte diese Information zunächst eher als Randnotiz, ohne ihr besondere Bedeutung beizumessen. Ich empfahl ihr, wie es dem damaligen Stand meines Wissens entsprach, primär die etablierten physiotherapeutischen Übungen fortzusetzen, erwähnte das Tai-Chi in meiner ursprünglichen Karteikarte nur knapp, fast beiläufig, so wie sie selbst es mir erzählt hatte.
In den folgenden Jahren sah ich R.K. zu gelegentlichen Kontrollterminen wieder, und bei jedem dieser Termine berichtete sie mir von einer stetigen, kontinuierlichen Verbesserung ihrer Schmerzsymptomatik, die sie selbst maßgeblich ihrer regelmäßigen Tai-Chi-Praxis zuschrieb, die sie über all die Jahre beibehalten hatte, mittlerweile mehrmals wöchentlich, in einer festen Gruppe, die für sie, wie sie betonte, "genauso viel für den Kopf wie für den Rücken" tat. Ich begann, aufmerksamer zuzuhören, begann, in der Fachliteratur gezielter nach Untersuchungen zu suchen, die den möglichen Nutzen solcher achtsamkeitsbasierten Bewegungspraktiken bei chronischem Rückenschmerz systematisch beschrieben, und fand tatsächlich eine wachsende, seriöse Evidenzbasis, die meine anfängliche Zurückhaltung im Rückblick als zu vorschnell erscheinen ließ.
Zehn Jahre nach unserem ersten Gespräch traf ich R.K. bei einer Nachkontrolle wieder, inzwischen eine überzeugte, fast schon leidenschaftliche Botschafterin ihrer Praxis, die anderen Patienten in unserer Warteschlange, wie mir eine Schwester amüsiert berichtete, unaufgefordert von ihren Erfahrungen erzählte. Sie war nahezu beschwerdefrei, führte ein aktives Leben, das sie sich Jahre zuvor kaum hätte vorstellen können. An diesem Tag griff ich noch einmal zu ihrer alten Karteikarte und fügte, mit einem kleinen Klebezettel, jene Notiz hinzu, die ich Ihnen eingangs zitiert habe: dass ich unrecht damit gehabt hatte, so skeptisch zu sein, und dass ich seither selbst begonnen hatte, ausgewählten Patienten mit ähnlicher Symptomatik solche ergänzenden Bewegungspraktiken aktiv zu empfehlen, natürlich stets als Ergänzung, nie als Ersatz für notwendige medizinische Behandlung.
Dieser Fall hat meine eigene Haltung gegenüber komplementären Ansätzen nachhaltig verändert, nicht in Richtung unkritischer Begeisterung, sondern in Richtung einer offeneren, differenzierteren Neugier. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass wissenschaftliche Evidenz das Fundament guter Medizin bilden muss. Aber R.K. hat mich gelehrt, dass diese Evidenz sich manchmal erst mit der Zeit entwickelt, und dass die vorschnelle Ablehnung eines Ansatzes, nur weil er nicht in mein ursprüngliches, klassisch geprägtes Weltbild passte, selbst eine Form der Voreingenommenheit sein kann. Der zweite Klebezettel auf dieser Karte ist für mich ein bleibendes Mahnmal dafür, wie wichtig es ist, die eigene fachliche Überzeugung immer wieder neu zu überprüfen, statt sie für endgültig zu halten, ein Grundsatz, der mich seither durch viele weitere Fälle in diesem Kasten begleitet hat.
Diese Geschichte stammt aus „Das Archiv der Wunder" (Art Adoro). Vielleicht gehört die nächste Karte Ihnen.