Die leisen Fälle: kleine Wunder

Der Herzschlag

26. Juli 2026 · 2 Min.

B.L. kam zu mir wegen eines gewöhnlichen, unkomplizierten Bandscheibenvorfalls, ein Fall, der medizinisch keine besondere Herausforderung darstellte. Wie bei jeder geplanten Operation ließen wir routinemäßig ein präoperatives EKG anfertigen, eine Standarduntersuchung, die in den allermeisten Fällen keine besonderen Auffälligkeiten zeigt und eher der allgemeinen Sicherheit dient als einer gezielten diagnostischen Fragestellung. Bei B.L. jedoch zeigte dieses routinemäßige EKG eine deutlich sichtbare, unregelmäßige Herzrhythmusstörung, die ihm selbst völlig unbekannt war und die keinerlei Symptome verursacht hatte, die er selbst bemerkt hätte. Ich erinnere mich, wie überrascht ich selbst war, als mir die zuständige Kollegin den Befund zeigte, bei einem Patienten, der mir gegenüber mit keinem Wort je über Herzbeschwerden geklagt hatte.

Ich zeigte den Befund umgehend unserem kardiologischen Kollegen, der nach eingehender Untersuchung eine potenziell gefährliche Form der Herzrhythmusstörung bestätigte, die unter bestimmten Umständen, etwa unter dem zusätzlichen Stress einer Operation und Narkose, ernsthafte Komplikationen hätte auslösen können. Was als Routineuntersuchung vor einem vergleichsweise unspektakulären Eingriff begonnen hatte, entwickelte sich unversehens zu einer weitaus bedeutsameren medizinischen Entdeckung, die mit der eigentlichen Bandscheibenoperation zunächst überhaupt nichts zu tun hatte, und die, wäre sie unentdeckt geblieben, möglicherweise erst während oder nach einer ganz anderen, künftigen Belastungssituation zutage getreten wäre.

Wir verschoben die geplante Wirbelsäulenoperation, um zunächst die kardiologische Behandlung der Rhythmusstörung durchführen zu lassen, ein Vorgehen, das B.L. zunächst mit einer gewissen Ungeduld aufnahm, weil ihn seine Rückenschmerzen im Alltag erheblich einschränkten. Nach ausführlicher Aufklärung durch unseren kardiologischen Kollegen über die tatsächliche Tragweite des Zufallsbefunds änderte sich seine Haltung grundlegend. Die kardiologische Behandlung, eine gezielte medikamentöse Einstellung in Kombination mit einem kleinen, ergänzenden Eingriff, normalisierte seinen Herzrhythmus zuverlässig, und erst danach führten wir die ursprünglich geplante, nun deutlich sicherere Bandscheibenoperation durch.

Beide Behandlungen verliefen letztlich erfolgreich. B.L. erholte sich vollständig von seiner Rückenoperation, und sein Herzrhythmus blieb unter der eingeleiteten kardiologischen Therapie stabil. Bei einem gemeinsamen Nachsorgetermin mit unserem kardiologischen Kollegen sagte er einen Satz, der mir seither oft in Erinnerung kommt: "Ich bin wegen meines Rückens gekommen. Gerettet hat mich am Ende mein Herz." Er ließ sich, wie er mir erzählte, seither regelmäßig kardiologisch kontrollieren, eine Vorsicht, die er vor diesem Zufallsbefund nie für notwendig gehalten hätte.

Ich bewahre diese Karte mit der kleinen, selbst gezeichneten EKG-Kurve als eindrückliche Erinnerung daran, wie wichtig gründliche, routinemäßige Voruntersuchungen sein können, selbst bei Eingriffen, die auf den ersten Blick keinen Zusammenhang mit dem zufällig entdeckten Befund aufweisen. B.L.s Fall zeigt exemplarisch, warum wir als Ärzte niemals nur das eine, im Vordergrund stehende Problem betrachten dürfen, sondern den ganzen Menschen im Blick behalten müssen, auch dann, wenn der eigentliche Anlass seines Besuchs scheinbar weit entfernt von dem liegt, was sich am Ende als die bedeutsamere medizinische Entdeckung herausstellt.

Diese Geschichte stammt aus „Das Archiv der Wunder" (Art Adoro). Vielleicht gehört die nächste Karte Ihnen.

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