Adoro Journal – Begleittexte

Der erste Schnitt

06. Juli 2026 · 3 Min.

Ich lege das alte Zeitschriftenexemplar wieder zurück ins Regal, mit einer Behutsamkeit, die selbst mich überrascht, so als könnte das brüchige Papier bei der falschen Berührung endgültig zerfallen. Das Feuer braucht keinen neuen Scheit mehr, es reicht für diese letzte Erinnerung des Abends, denke ich, während ich mir ein letztes, kleines Glas eingieße, diesmal nur zur Hälfte gefüllt. Von draußen dringt kein Ton mehr herein, nur die vollkommene, dichte Stille einer Winternacht am See.

Münster, Herbst 1983. Ich bin achtundzwanzig Jahre alt, mit einer einjährigen Tochter zu Hause und einer Frau, die mit bemerkenswerter Geduld erträgt, dass ich, statt ein geregeltes Einkommen aus unserem kleinen Verlag zu beziehen, noch einmal ganz von vorne beginne, als Student, mit einem BAföG-Bescheid, der kaum die Miete deckt. Ich erinnere mich an den ersten Tag im Präparier Saal, an den charakteristischen, stechenden Geruch von Formalin, der sich noch Wochen später in meiner Kleidung, in meinen Haaren festsetzte, egal wie oft ich wusch.

Wir standen zu sechst um einen Tisch aus Edelstahl, unter uns ein Mensch, der uns sein Wissen um den eigenen Körper hinterlassen hatte, ohne dass wir je seinen Namen erfahren würden. Ich erinnere mich an den Moment, in dem ich das Skalpell zum ersten Mal selbst in der Hand hielt, an das eigenartige Zittern, das durch meine Finger lief, nicht aus Ekel, sondern aus einer tief empfundenen Ehrfurcht vor dem, was ich in diesem Moment berühren durfte. Neben mir stand ein Kommilitone, kreidebleich, der sich nach wenigen Minuten entschuldigen und den Saal verlassen musste. Ich blieb. Ich blieb, weil ich, zum ersten Mal seit jenem Nachmittag hinter dem Bankschalter in Rheine, das Gefühl hatte, endlich am richtigen Ort zu sein.

Unser Anatomie-Dozent, ein knorriger, unnachgiebiger Professor namens Ohlendorf, gefürchtet für seine schonungslosen Prüfungen, bemerkte früh mein besonderes Interesse an den neuronalen Strukturen, an der filigranen, fast unwirklichen Architektur des Rückenmarks und seiner unzähligen Nervenbahnen. "Sie haben einen Blick dafür, Herr Schlot", sagte er einmal, während er über meine Schulter auf meine Präparation blickte, ein Satz, so knapp und unpersönlich er auch gemeint war, der mir dennoch wochenlang Auftrieb gab.

Die Jahre in Münster waren hart, härter als alles, was ich zuvor erlebt hatte. Ich lernte nachts, wenn meine Tochter endlich schlief, saß mit roten Augen über anatomischen Atlanten, während meine Frau am nächsten Morgen wieder allein mit dem Kind zurechtkommen musste, während ich in der Klinik oder im Hörsaal war. Es gab Momente, in denen ich an mir selbst zweifelte, an meiner Entscheidung, ein gesichertes, wachsendes Verlagsgeschäft für die Ungewissheit eines Medizinstudiums mit über achtundzwanzig aufzugeben. Aber es gab auch jenen einen Moment, im Sommer 1988, als ich, nach einer besonders langen Nacht mit meiner mittlerweile sechsjährigen Tochter, die hohes Fieber hatte, selbst erkannte, an ihrer Nackensteifigkeit, an einem winzigen, kaum wahrnehmbaren neurologischen Zeichen, dass hinter ihrem Fieber mehr steckte als eine gewöhnliche Erkältung, und den behandelnden Kinderarzt rechtzeitig darauf hinwies. Es war nichts Dramatisches am Ende, eine harmlose, aber ernst zu nehmende Infektion, rechtzeitig erkannt. Aber es war der Moment, in dem ich zum ersten Mal spürte, was es bedeutet, dieses Wissen zu besitzen und es für einen Menschen einzusetzen, den man liebt.

Ich promovierte im Dezember 1988, bestand das dritte Staatsexamen wenige Tage später, und stand, mit dreiunddreißig Jahren, endlich dort, wo jener pensionierte Lehrer am Bankschalter in Rheine, ohne es zu wissen, den ersten Stein ins Rollen gebracht hatte. Ich war Arzt. Aber der Weg zur Neurochirurgie, zu jenem Fach, das mein eigentliches Lebenswerk werden sollte, lag noch vor mir, und er sollte, das ahnte ich damals noch nicht, über einen Umweg führen, den ich mir selbst nie hätte ausmalen können: hinein in die Pharmaindustrie, für fünf lange Jahre.

Ich trinke den letzten Schluck Wein, stelle das Glas behutsam ab, und beschließe, dass diese Erinnerung, an die Pharma-Jahre, an das, was mich schließlich zurück in die Klinik trieb, eine eigene, ruhigere Nacht verdient. Ich lösche die Leselampe, das Feuer noch immer schwach glühend hinter dem Gitter, und steige, erschöpft, aber seltsam erfüllt, die Treppe zu unserem Schlafzimmer hinauf.

Diese Geschichte stammt aus „Das Archiv der Wunder" (Art Adoro). Vielleicht gehört die nächste Karte Ihnen.

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