Notfälle und Sekunden, die zählen

Das rote Kreuz auf der Karte

15. September 2026 · 2 Min.

Ich war an jenem Novemberabend selbst nur auf der Heimfahrt von einem Spätdienst, als ich, wenige Kilometer vor der Ausfahrt zu meinem eigenen Zuhause, in eine Massenkarambolage geriet, die sich Minuten zuvor bei dichtestem Nebel ereignet hatte. Mehrere Fahrzeuge waren ineinander verkeilt, Warnblinklichter durchdrangen kaum den grauen Dunst, und der reguläre Rettungsdienst war, wie ich am eigenen Funkgerät im Auto hörte, noch mehrere Minuten entfernt. Ich hatte in diesem Moment keine sterile Umgebung, kein Team, keine der gewohnten Instrumente. Ich hatte nur meine eigenen Hände, mein Wissen und die Verantwortung, die sich in einem solchen Moment niemand aussuchen kann, sondern die einen einfach findet. Ich erinnere mich, wie ich aus dem Auto stieg, in die Kälte und den Nebel hinein, mit dem eigentümlichen Gefühl, dass sich in diesem Augenblick meine übliche berufliche Rolle völlig verschob, von der geplanten, kontrollierten Umgebung eines Operationssaals hin zu etwas, das sich beinahe archaisch anfühlte.

Ein Mann, später als T.R. identifiziert, lag im angrenzenden Straßengraben, aus seinem Fahrzeug geschleudert, bei Bewusstsein, aber mit einer Schmerzhaftigkeit und einem Bewegungsmuster, das mich sofort an eine mögliche Wirbelsäulenverletzung denken ließ. In einer solchen Situation zählt eine einzige Regel über alles andere: Bewegung vermeiden, bis eine fachgerechte Stabilisierung möglich ist, denn eine unbedachte Lageveränderung kann eine zunächst inkomplette Verletzung in eine vollständige, irreversible Schädigung verwandeln. Ich kniete mich neben ihn in den nassen Straßengraben, sprach beruhigend auf ihn ein, und mit Hilfe zweier beherzter Ersthelfer aus den umliegenden Fahrzeugen improvisierten wir, mit Decken und stabilen Gegenständen aus den Kofferräumen, eine notdürftige, aber wirksame Stabilisierung seines Kopfes und Nackens, bis der reguläre Rettungsdienst eintraf.

Als das Rettungsteam ankam, konnte ich ihnen bereits eine präzise Einschätzung der Verletzung übergeben, gemeinsam mit der Information, dass er während der gesamten Zeit ruhiggestellt worden war, eine Information, die für die weitere Behandlung entscheidend war. Er wurde in die nächstgelegene Klinik gebracht, wo eine bildgebende Untersuchung eine tatsächlich vorliegende, aber durch unsere Vorsichtsmaßnahmen glücklicherweise nicht verschlimmerte Wirbelfraktur bestätigte. Die anschließende Operation, die ich Tage später selbst mit übernahm, nachdem ich von seinem Fall erfuhr, verlief ohne Komplikationen.

T.R. erholte sich vollständig, ohne bleibende neurologische Ausfälle, ein Ergebnis, das, wie mir die behandelnden Kollegen in der Notaufnahme später bestätigten, maßgeblich davon abhing, dass er in den ersten kritischen Minuten nicht unkontrolliert bewegt worden war. Als er Monate später zu einer Nachkontrolle kam, erkannte er mich sofort wieder, trotz des Nebels und der Dunkelheit jener Nacht. "Sie waren derjenige im Straßengraben", sagte er, mit einer Mischung aus Erstaunen und Dankbarkeit. "Ich dachte, ich hätte mir das nur eingebildet."

Ich habe den Kartenausschnitt jener Autobahnstelle auf diese Karteikarte geklebt, mit einem roten Kreuz an der genauen Stelle im Straßengraben, weil dieser Fall mir zeigt, dass medizinisches Handeln nicht an die Grenzen eines Operationssaals gebunden ist. Manchmal ist der wichtigste Beitrag, den man als Arzt leisten kann, nicht die perfekt ausgestattete, geplante Operation, sondern das Wissen, in einem chaotischen, unvorbereiteten Moment das Richtige zu tun, mit dem, was gerade zur Verfügung steht.

Diese Geschichte stammt aus „Das Archiv der Wunder" (Art Adoro). Vielleicht gehört die nächste Karte Ihnen.

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