Skurrile Unfälle
Das Kreuz ohne Adresse
02. September 2026 · 3 Min.
D.M. war ein erfahrener Bergsteiger, der an einem Spätsommertag oberhalb meines eigenen Wohnorts in Kärnten, an einem wenig begangenen Grat ohne offizielle Wegbezeichnung, bei einem Fehltritt mehrere Meter abstürzte. Die Bergrettung, die ihn nach einem Notruf seiner Begleiterin erreichte, hatte erhebliche Mühe, den genauen Unfallort überhaupt zu beschreiben, da er sich an keiner offiziell kartierten Stelle befand. Einer der Bergretter, der die Region seit Jahrzehnten kannte, skizzierte während des Einsatzes selbst eine kleine Karte auf einem Notizblock, um sie später an das aufnehmende Krankenhaus weiterzugeben, ein Dokument, das mir Wochen später zufällig in die Hände fiel und das ich seither wie ein kleines Kunstwerk behandle. Ich kenne diese Berge selbst gut genug, um zu wissen, wie unzugänglich manche dieser Stellen tatsächlich sind, weit abseits jedes markierten Pfades.
Die Verletzungen, die D.M. bei diesem Sturz erlitt, betrafen die Wirbelsäule, mit einem Verdacht auf eine Instabilität, die eine äußerst vorsichtige Bergung erforderlich machte, um eine zusätzliche Schädigung des Rückenmarks während des Transports zu vermeiden. Die Bergrettung, in enger telefonischer Abstimmung mit unserer Klinik, führte die Rettung mit einer Präzision und Umsicht durch, die ich als Neurochirurg zutiefst zu würdigen weiß: eine fachgerechte Immobilisation direkt am Unglücksort, ein behutsamer, koordinierter Abtransport über unwegsames Gelände, schließlich der Helikoptertransport in unsere Klinik, unter Wetterbedingungen, die den Piloten offenbar bis an die Grenzen seiner Möglichkeiten forderten.
Die anschließende Untersuchung bestätigte tatsächlich eine instabile Wirbelfraktur, die eine operative Stabilisierung erforderlich machte. Der Eingriff selbst verlief, dank der bereits am Unfallort geleisteten fachgerechten Erstversorgung, ohne zusätzliche Komplikationen. Ich denke oft daran, wie viele unterschiedliche Menschen an diesem einen Tag zusammenwirken mussten, damit D.M. überhaupt lebend und ohne weitere Schädigung in meinem Operationssaal ankam: die Begleiterin, die den Notruf absetzte, die Bergretter, die ihn unter schwierigsten Bedingungen fachgerecht barg, der Hubschrauberpilot, der bei unsicherem Bergwetter den Transport übernahm, und schließlich unser eigenes Team, das die abschließende Behandlung durchführte.
D.M. erholte sich vollständig, kehrte nach intensiver Reha zu seinem geliebten Bergsport zurück, wenn auch, wie er selbst versicherte, "mit deutlich mehr Respekt vor unmarkierten Graten." Er suchte, Monate nach seiner Genesung, gezielt den Kontakt zu jenem Bergretter, der die handgezeichnete Karte angefertigt hatte, um sich persönlich zu bedanken, ein Treffen, von dem mir beide Seiten später berichteten und dass, wie ich hörte, in eine bleibende Freundschaft mündete.
Ich bewahre diese handgezeichnete Karte, mit ihrem einfachen, aber eindeutigen Kreuz an einer namenlosen Stelle in den Bergen, als Erinnerung an eine der eindrücklichsten Rettungsketten auf, die ich in meiner gesamten Laufbahn miterlebt habe. Sie zeigt mir, dass moderne Medizin, so sehr sie auf Technologie und Präzision angewiesen ist, letztlich immer noch von Menschen getragen wird, die bereit sind, unter schwierigsten Bedingungen füreinander einzustehen, auch an Orten, die auf keiner offiziellen Karte verzeichnet sind. Diese kleine, handgezeichnete Skizze ist für mich ein Sinnbild für all jene unsichtbaren Ketten der Hilfe, die einem einzelnen Patienten das Leben retten, lange bevor er überhaupt einen Operationssaal erreicht, Ketten, die wir als Chirurgen im OP-Saal viel zu selten würdigen, obwohl ohne sie unsere eigene Arbeit oft gar nicht erst möglich wäre.
Diese Geschichte stammt aus „Das Archiv der Wunder" (Art Adoro). Vielleicht gehört die nächste Karte Ihnen.