Adoro Journal – Begleittexte

Das Foto

02. Juli 2026 · 2 Min.

Diese Karte handelt von keinem Patienten, sondern von einem einzigen, kleinen Foto, das ich seit dem Tag meiner Eheschließung in der Innentasche jedes weißen Kittels trug, den ich in meiner gesamten beruflichen Laufbahn besaß, umgezogen von einem abgetragenen Kittel zum nächsten, über all die Jahrzehnte hinweg, ohne dass ich mir dessen ständiger Anwesenheit immer bewusst gewesen wäre.

Es zeigt meine Frau und mich, an einem gewöhnlichen Sommertag, lange bevor ich auch nur ahnen konnte, wie viele Operationen, wie viele durchwachte Nächte, wie viele der Geschichten, die ich in diesem Buch erzählt habe, noch vor mir liegen würden. Ich habe nie bewusst entschieden, dieses Ritual über Jahrzehnte fortzuführen, es geschah einfach, wie so viele der bedeutsamsten Gewohnheiten unseres Lebens.

Ich habe dieses Foto über all die Jahre nie bewusst betrachtet, während einer Operation natürlich nie, aber auch in den ruhigeren Momenten dazwischen selten aktiv hervorgeholt. Und doch wusste ich immer, dass es da war, ein stiller, fast unbewusster Anker in der Innentasche meines Kittels, eine Erinnerung daran, dass ich, jenseits meiner beruflichen Identität als Chirurg, auch ein eigenes Leben, eine eigene Familie, eine eigene Geschichte besaß, die parallel zu all den Geschichten meiner Patienten weiterlief, unabhängig davon, wie sehr mich mein Beruf zeitweise in Anspruch nahm.

Ich erinnere mich an einige wenige, besonders schwierige Momente meiner Laufbahn, in denen ich, nach einer besonders belastenden Operation oder einem besonders schweren Gespräch mit einer trauernden Familie, unwillkürlich meine Hand an die Innentasche meines Kittels legte, das Foto durch den Stoff hindurch spürte, ohne es tatsächlich herauszuholen, ein kleines, fast automatisches Ritual, das mir in diesen Momenten half, mich wieder zu sammeln, bevor ich zum nächsten Patienten, zum nächsten Gespräch weiterging.

Als ich vor kurzem meinen letzten weißen Kittel endgültig ablegte, nach meiner letzten Operation, die ich bereits in einem früheren Kapitel dieses Buches beschrieben habe, nahm ich dieses Foto, zum ersten Mal seit Jahrzehnten, bewusst und mit voller Aufmerksamkeit in die Hand. Es war deutlich verblasst, die Ränder abgegriffen von den unzähligen Malen, die es zwischen Stoffschichten gerieben worden war, aber die beiden Gesichter darauf waren noch immer klar erkennbar.

Ich lege dieses Foto nun bewusst in meinen Kasten, an dieser Stelle, kurz vor dem Abschluss dieses ersten Bandes, weil es mir zeigt, dass hinter jedem Arzt, der Jahrzehnte im Dienst seiner Patienten steht, ein eigenes, privates Leben liegt, das diese Arbeit erst möglich macht. Meine Frau hat mich durch all die durchwachten Nächte, all die schwierigen Fälle, all die emotionalen Höhen und Tiefen dieses Berufs begleitet, meist im Hintergrund, selten im Rampenlicht, aber immer da, so verlässlich wie dieses kleine, verblasste Foto in meiner Kitteltasche, ein stiller Pfeiler, ohne den keine der Geschichten, die ich in diesem Buch erzählt habe, in dieser Form hätte entstehen können.

Diese Geschichte stammt aus „Das Archiv der Wunder" (Art Adoro). Vielleicht gehört die nächste Karte Ihnen.

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