Die leisen Fälle: kleine Wunder

Das eine Wort

06. August 2026 · 2 Min.

Es gibt eine Karte in diesem Kasten, auf der ich bewusst keine Initialen vermerkt habe, keine genauen Daten, keine Details, die diesen Fall eindeutig zuordenbar machen würden. Nicht, weil ich etwas verschweigen möchte, sondern weil diese eine Geschichte, mehr als jede andere in meinem Archiv, für etwas Allgemeineres steht, das über den einzelnen Patienten hinausreicht. Ein Mensch, dessen bildgebende Befunde und dessen klinischer Zustand eine Prognose nahelegten, die medizinisch als aussichtslos einzustufen war, ein ausgedehnter, tief infiltrierender Befund, dessen Verlauf nach allem, was wir über solche Erkrankungen wussten, klar vorgezeichnet schien. Ich habe in meiner gesamten Laufbahn nur eine Handvoll vergleichbarer Fälle erlebt, und keiner davon endete so, wie dieser eine es tat.

Wir behandelten diesen Patienten nach bestem medizinischem Wissen, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln, in vollem Bewusstsein, dass die statistischen Erfolgsaussichten außerordentlich gering waren. Ich führte die notwendigen Gespräche mit der Familie mit der gebotenen Ehrlichkeit, bereitete sie, so behutsam ich konnte, auf einen möglicherweise ungünstigen Verlauf vor, ohne dabei jede Hoffnung zu nehmen, die medizinisch nicht vollständig auszuschließen war. Was in den folgenden Monaten geschah, entzieht sich bis heute jeder eindeutigen medizinischen Erklärung, die ich anbieten könnte, so sehr ich mich auch bemüht habe, im Nachhinein eine schlüssige Antwort zu finden.

Der Befund, der nach allen etablierten Maßstäben hätte fortschreiten müssen, entwickelte sich gegenteilig: eine kontinuierliche, unerwartete Rückbildung, die sich mit unseren wiederholten Kontrolluntersuchungen über Monate hinweg bestätigte, bis der ursprüngliche Befund schließlich nicht mehr nachweisbar war. Ich habe diesen Verlauf mit meinen Kollegen ausführlich diskutiert, alle denkbaren Erklärungsansätze durchgesprochen, von statistischen Ausreißern bis zu noch nicht vollständig verstandenen körpereigenen Regulationsmechanismen. Eine befriedigende, abschließende Erklärung konnten wir nicht finden. Der Patient selbst führte seine Genesung, in unseren Gesprächen, auf eine Kombination aus medizinischer Behandlung, eigener innerer Haltung und, wie er es selbst nannte, "etwas, das größer ist als wir beide", zurück, eine Formulierung, die ich respektierte, ohne sie medizinisch einordnen zu können.

Dieser Patient lebt, meines Wissens, bis heute, viele Jahre nach jener Diagnose, die eine völlig andere Zukunft hatte vorzeichnen lassen. Ich habe ihn seither nur noch selten gesehen, aber die wenigen Nachrichten, die mich über gemeinsame Bekannte erreichten, bestätigten stets dasselbe: ein Leben, das in jeder erkennbaren Weise normal weiterging, ohne Wiederkehr des ursprünglichen Befundes.

Ich habe lange gezögert, diese Karte in dieses Buch aufzunehmen, weil sie keine der üblichen Lehren bietet, die ich aus den anderen Geschichten in diesem Kasten ziehen kann. Sie bietet stattdessen nur eine offene Frage, die ich nach all den Jahren noch immer nicht beantworten kann. Als Wissenschaftler bin ich es gewohnt, Erklärungen zu suchen, Kausalitäten zu verstehen, Prognosen auf gesicherte Evidenz zu stützen. Dieser eine Fall erinnert mich daran, mit einer gewissen Demut zu akzeptieren, dass die Medizin, trotz aller Fortschritte, die wir in diesem Buch beschrieben haben, noch immer nicht alles erklären kann, was sich im menschlichen Körper ereignet.

Diese Geschichte stammt aus „Das Archiv der Wunder" (Art Adoro). Vielleicht gehört die nächste Karte Ihnen.

Weitere Karten